1849 blickten deutsche Frauen auf Großenhain

Es waren Frauen, die in verschiedenen geschichtlichen Zeitabschnitten durch ihr Wirken oder ihre Herkunft das Städtchen Großenhain ins Blickfeld der Öffentlichkeit rückten.

In der Gegenwart verbindet man sachsenweit den Namen der Großenhainerin Brigitte Zschoche mit politischem Engagement. Die Autorin Gisela Weber (geb. Starke) beschreibt ihre Kindes- und Jugenderlebnisse nach 1945 im Roman. Sportliche Erfolge machten die Seniorensportlerin Ursula Förster und ihre Heimat im Jahre 1997 bis nach Südafrika bekannt. Die meisten deutschen Film- und Fernsehzuschauer kennen die Schauspielerin Corinna Harfouch. In der DDR sorgte die Schlagersängerin Chris Doerk dafür, daß mancher Fan ihren Lebenslauf bis in unsere Stadt zurückverfolgte. Traurigen Ruhm ernteten die Großenhainer, als sich die berühmte UFA-Schauspielerin und Erotik-Tänzerin La Jana – sie galt als eine der schönsten Frauen Europas – während einer Wehrmachtstournee im März 1940 hier eine schwere Rippenfellentzündung zuzog, im städtischen Krankenhaus behandelt wurde und eine Woche später am 13. März 1940, gerade 35jährig, in Berlin starb.

Es war die Meißnerin Louise Otto, die in der Niedergangsphase der Revolution von 1849 von Großenhain aus ihre Stimme, noch leise, aber engagiert, für Frauenrechte erhob.

Erst 1865 überwand sie die Widerstände und Vorbehalte, als sie mit anderen Frauen in Leipzig den bürgerlichen „Allgemeinen Deutschen Frauenverein“ gründete, der Bildungsmöglichkeiten für Frauen, Recht und Anspruch auf Arbeit jeglicher Art und das Recht der freien Berufswahl forderte. Louise Otto war die Vorkämpferin der Frauengleichberechtigung in Deutschland.

Es bedurfte eines mehr als 100 Jahre währenden Kampfes, ehe im Artikel 3, Absatz 2 des Grundgesetzes, der Grundsatz  „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ verankert werden konnte.

Am 28. März 1819 kam Louise Otto als Tochter eines Gerichtsdirektors in Meißen zur Welt. Die Mutter war Tochter eines Porzellanmalers. Mit drei Schwestern wurde Louise in aufgeklärten Familienverhältnissen und mit fortschrittlichem Gedankengut erzogen. 1840 erhielt sie in Oederan, wo ihre Schwester wohnte, Einblicke in die tiefe Not des entstehenden Industrieproletariats. In der Zeit des Vormärz und der fortschreitenden Industrialisierung nahmen ihre Artikel, Gedichte und Erzählungen politische Gedanken auf. Romane entstanden. Sie wurde bekannt. Ihr literarisches Schaffen unterlag der Zensur, die Arbeiter zollten besonders dem Roman “Schloß und Fabrik“ (Teil 2 und 3 wurden 1846 von der Zensurbehörde eingezogen) Anerkennung.

Seit 1843 setzte sie sich für die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frauen durch eigene Berufstätigkeit und umfassende Bildung ein. Im chaotischen Gewirr der Männerstimmen in der Revolution von 1848 verschaffte sich ein Frauenruf Gehör mit der „Adresse eines Mädchens an den hochverehrten Minister Oberländer, an die von ihm berufenen Arbeiterkommission und an alle Arbeiter“ und mahnte sie: „…wenn Sie sich mit der …Organisation der Arbeit beschäftigen, so wollen Sie nicht vergessen…, dass Sie dieselbe auch für die Frauen organisieren müssen.“

Die Ereignisse des Vormärz und der Revolution hatten auch Großenhain nicht unberührt gelassen. Schuberth kennzeichnete in seiner Chronik die „sehr erregten Jahre 1848 und 1849.“ Er war bemüht, die Unruhen den Unterschichten der Einwohnerschaft anzulasten. 1848 wurden einem Schmied die Fenster eingeworfen „durch einen Haufen aufgeregter Arbeiter, Gesellen und Lehrlinge.“ Da die Stadtobrigkeit die Ausbreitung solcherlei Gewalt fürchtete, wurde die „Communalgarde aufgeboten, welche durch einen Bajonettangriff die Ruhestörer zerstreute.“ Und: „Mehrere derselben wurden hierbei verwundet und kamen später zur Strafe in das Landesarbeitshaus.“ Es war Revolution in Deutschland, und so glaubte Preusker die Hintergründe der Großenhainer Ereignisse erkannt zu haben: „Der Aufruhr war von den Democraten sehr klug eingeleitet; es sollte scheinen, als gälte es nicht einem politischen Zwecke, sondern sei eine zufällige Aufregung des Volkes.“ Chronist Schuberth meinte wohl den Stadtrat, als er urteilte: „Niemand wagte es, die Democraten zu bekämpfen, welche die Stadt tyrannisirten.“ Der „Großenhainer Anzeiger“ bescheinigte der Presse, sie habe „gewiß wesentlich dazu beigetragen, daß in unserer Stadt der Aufruhr der Jahre 1848 und 1849 nur gering war.“

Dennoch machte der revolutionäre Gedanke von der Schaffung eines einheitlichen Deutschlands auch um Großenhain keinen Bogen. Am 3. Juli 1848 hatten Friedrich August II. und seine Regierung den Erzherzog Johann als Reichsverweser, als von der Frankfurter Paulskirche einzusetzende provisorische Zentralgewalt anerkannt. Der Stadtrat forderte nun am 4. Mai 1849 in einem Schreiben an den sächsischen König, er solle sich endlich jener Gruppe von Landesfürsten anschließen, die auch die von der Nationalversammlung beschlossenen Reichsverfassung akzeptierten.

Auf breiter Front mischten sich Frauen erstmals in das deutsche Revolutionsgeschehen ein. Sie nahmen an politischen Versammlungen teil, schrieben Artikel in der demokratischen Presse, nähten Fahnen und Symbole in den Nationalfarben, sammelten Geld und Kleidung für die Freischärler, versorgten die Barrikadenkämpfer mit Arznei und Lebensmitteln und halfen politisch Verfolgten bei der Flucht. Die Revolution hatte das Selbstbewußtsein der Frauen verändert und befähigte sie zur Artikulation eigener weiblicher Interessen. Demokratische Frauenvereine entstanden und Zeitschriften, deren Ziel eine beide Geschlechter umfassende Demokratisierung der Gesellschaft war.

Hatte man in Großenhain die Zeichen der Zeit erkannt?

Immerhin lud der hiesige Gewerbeverein im Jahre 1844 erstmals Frauen zu einer Versammlung ein. Aber sehr politisch ging es dabei nicht zu. Preusker sprach zum Thema „Die Frauen als Gewerbetreibende“. Mit Sicherheit waren es nicht die Großenhainerinnen, die den 1832 gegründeten Gewerbeverein – einen der ersten in Sachsen – in den Untergang trieben. Laut Schuberth ging er „in der Bewegung der Jahre 1848 und 1849 ein“.

Vielleicht hatte ihn der Artikel von Louise Otto in den „Sächsischen Vaterlandsblättern“ von 1843 aufgeschreckt, indem sie über „Die Teilnahme der weiblichen Welt am Staatsleben“ schrieb und den „Ausschluß der Frauen von Vaterlandsangelegenheiten als eine Unsittlichkeit“ bezeichnete.

Frauen arbeiteten damals im wahrsten Sinne des Wortes für Hungerlöhne. Sie erhielten oft weniger als die Hälfte der Männerlöhne. Heimarbeiterinnen im Erzgebirge verdienten drei bis fünf Pfennige für 14 Stunden Arbeit pro Tag. Der Preis für ein Kilo Kartoffeln betrug ebensoviel.

Louise Ottos Ideal war, eine politische Frauenzeitschrift herauszugeben. Die erste dieser Art in Deutschland erschien im April 1849 in Großenhain. Sie hieß schlicht „Frauen-Zeitung“. Im Kopfteil stand:

„Jeden Sonnabend erscheint eine Nummer. Redigirt von Louise Otto. Preis 15 Rgr. vierteljährlich. Alle Postämter und Buchhandlungen nehmen Bestellungen darauf an.

Motto: Dem Reich der Freiheit werb’ ich Bürgerinnen!

No. 1. Sonnabend, den 21. April. 1849.“

Die Titelseite enthielt ihr Programm. Es beginnt mit einem Aufruf an alle Frauen, als selbstbewußt handelnde Subjekte die Bühne der Geschichte zu betreten, um von den Männern endlich wahrgenommen zu werden. „Wir wollen unser Theil fordern: das Recht, das Rein-Menschliche in uns in freier Entwicklung aller unserer Kräfte auszubilden, und das Recht der Mündigkeit und Selbstständigkeit im Staat“. Sie kritisierte die Männergesellschaft, in der die Frauenemanzipation ein unbekannter Begriff war: „Wo sie das Volk meinen, da zählen die Frauen nicht mit“. So erklärt sich das von ihr gewählte Motto „Dem Reich der Freiheit werb’ ich Bürgerinnen!“.

Louise Otto hatte kein Vorbild. Die politische Lyrikerin und Theoretikerin, die Organisatorin und Redakteurin war die erste Frau, die in die frauenfeindliche Öffentlichkeit trat und als politische Führerin für Fraueninteressen Partei ergriff. Politikwissenschaftler gehen von 1843 als dem Jahr des Beginns der Frauenbewegung in Deutschland aus. So gesehen ist das Erscheinen der „Frauen-Zeitung“ in Großenhain ein Meilenstein im Emanzipationsprozess. Gleichzeitig wurden die Grenzen ihrer den Frauen zugedachten Freiheit sichtbar. In der „Frauen-Zeitung“ vom 28. April 1849 distanzierte sich Louise Otto von Auffassungen der Louise Aston aus Berlin, die für freie Liebe und Ausbrechen aus den traditionellen Familienrollen eintrat. Für Louise Otto war das schamlos, und es wurde von ihr als Störung der bürgerlichen Ruhe und Ordnung empfunden. Clara Zetkin sagte später über Louise Otto, daß sie ideologisch eine Gefangene ihrer Klasse geblieben sei, weil sie Reformen statt Revolutionen anstrebte.

Wie die „Frauen-Zeitung“ vom 21 Januar 1850 zeigte, fanden sich schon damals Gegnerinnen ihres Engagements unter den Damen des Adels und des reichen Bürgertums. Vielleicht aber trug die Zeitung aus Großenhain dazu bei, die revolutionäre Stimmung in Sachsen zu beflügeln. Kurz darauf kam es zum Dresdner Mai-Aufstand. Aber auch in Sachsen wurde die Revolution niedergeschlagen.

1850 wurde Louise Otto die Herausgabe ihrer Frauenzeitung in Sachsen untersagt. Das aus diesem Grunde „Lex Otto“ genannte Pressegesetz verbot Frauen die Redaktion einer Zeitung. Um die Niederlage der Frauen zu verewigen, schrieb der §8 des Vereinsgesetzes von 1850, das bis 1908 gültig blieb: „Politischen Vereinen ist die Aufnahme von Frauenspersonen, Schülern, Lehrlingen verboten. Auch dürfen solche Personen nicht an Versammlungen und Sitzungen teilnehmen, bei denen politische Gegenstände behandelt werden“. Diese staatliche Reaktion zeigt, welche Bedeutung der Frauenbewegung in dieser Zeit erlangt hatte.

Von 1851 bis 1852 erschien die „Frauen-Zeitung“ im damals preußischen Gera. Die Pressezensur erzwang schließlich ihre Einstellung.

Louise Otto war deprimiert, mußte sich gefallen lassen, daß das sächsische Innenministerium ihre Kontakte zu Teilnehmern der Revolution von 1848 / 49 über mehrere Jahre registrierte und 1852 ihre Wohnung in Meißen durchsuchen ließ. „Die bewaffnete Macht wird sich doch unmöglich vor den Frauen fürchten?“ hatte die „Frauen-Zeitung“ schon 1850 (Nr. 13) gefragt.

1858 heiratete sie den Revolutionär und Oppositionellen August Peters, der von 1848 bis 1856 Zuchthausstrafen u.a. in Waldheim verbüßt hatte.

Mutlos war sie nie. Es war die Krönung ihres bisherigen Lebens, als sie im März 1865 nicht nur zur Vorsitzenden eines Frauenbildungsvereins in Leipzig gewählt (das blieb sie bis 1892), sondern auch von der Gesamtdeutschen Frauenkonferenz, die in Leipzig im Oktober des gleichen Jahres den „Allgemeinen Deutschen Frauenverein“ ins Leben rief, mit dessen Vorsitz betraut wurde. Dieses Amt übte sie bis an ihr Lebensende aus. In den folgenden Jahren profilierte sie sich als Autorin und politische Streiterin.

Am 13. März 1895 starb Louise Otto-Peters in Leipzig.

Wenn man in den nächsten Wochen und Monaten ihrer gedenkt, wird zwangsläufig auch von Großenhain die Rede sein.

Die am Ende des vorigen Jahrhunderts von Schuberth geschriebene Chronik Großenhains nahm von der „Frauen-Zeitung“ keine Notiz. Vielleicht war in Vergessenheit geraten, was Louise Otto in der ersten Ausgabe geschrieben hatte: „Die Geschichte aller Zeiten, und die heutige ganz besonders, lehrt: daß diejenigen auch vergessen wurden, welche an sich selbst zu denken vergaßen!“.

Leider ist im Museum unserer Stadt wie auch im Stadtarchiv kein Exemplar der „Frauen-Zeitung“ erhalten geblieben.

Der Geist der Louise Otto-Peters bleibt lebendig, bis die tatsächliche Gleichberechtigung der Frauen erreicht sein wird. Erst „dann würden wir aufhören, ein schwaches Geschlecht zu sein und durch uns selbst groß, stark und frei werden“ („Frauen-Zeitung“ 12 / 1849).