Berühmte Großenhainer: Carl Gottfried Theodor Chladenius

Wer könnte dem Gymnasium seinen Namen abgeben? Berühmte Großenhainer. Heute: Carl Gottfried Theodor Chladenius.

Die Reihe bedeutender Großenhainer Persönlichkeiten ließe sich fortsetzen. Natürlich muss genau bedacht werden, welcher Name für welches Objekt (zur Namensgebung – d. R.) geeignet ist, da sich mit dem jeweiligen Namen bestimmte didaktische Ziele verfolgen lassen. Das heißt für eine technische Einrichtung wäre der eines Erfinders, eines Forschers denkbar. Heute beherbergt die Stadt Großenhain eines der größten Gymnasien in Sachsen. Es hat einen riesigen Einzugsbereich. Und keinen einprägsamen Namen.

Aus der obigen Reihe böte sich Schuberth an. Schuberth-Gymnasium Großenhain klingt nicht schlecht. Für viele Leute ist er der Bekannteste nach Preusker. Doch da gibt es einen Mann, der zu Unrecht schon fast vergessen oder nur dem historisch Interessierten bekannt ist: Chladenius.

Carl Gottfried Theodor Chladenius (1759 bis 1837) kommt die Ehre zu, die Grundlagen für eine durch Urkunden belegte wissenschaftliche Großenhainer Geschichtsschreibung geschaffen zu haben.

Chladenius „Kaiserlicher Notarius und Chursächßischer Advocat zu Hayn, auch d. Zt. Gerichtsverwalter“ schreibt auf 20 Bogen seine „Materialien zur Großenhainer Stadtchronik“, welche die Stadtgeschichte bis zum Jahre 1787 beinhalten und 1788 in Pirna verlegt werden. Als übrigens Schuberth seine Chronik mit 435 Seiten vollendet hatte, erklärte er, dass er ursprünglich lediglich die Chronik des Chladenius neu auflegen und bis auf die Gegenwart fortsetzen wollte.

Was also ist dran an Chladenius, dass er einem heutigen Gymnasium seinen Namen geben, Lehrer und Schüler zu fortführenden Forschungen anregen und das Großenhainer Geschichtsbewusstsein vertiefen könnte?

Es kann hier nur ausschnitthaft auf sein Leben und Werk eingegangen werden. Chladenius war offensichtlich ein konsequenter Mann in seinen Anschauungen, kein Revolutionär, sicher eher konservativ, ein Vielredner und Vielschreiber.

Als am 27. Mai 1789 der Großenhainer Bürgermeister Kießling stirbt, wird der dreißigjährige Chladenius in den Stadtrat gewählt. Ratsherr wurde man damals noch auf Lebenszeit und erst der Tod eines Ratsherren gab einem Bürger die Möglichkeit des Aufrückens. Schon in seiner Antrittsrede kritisiert Chladenius verschiedene „Stadtgebrechen“ und setzt seiner Ratsherrentätigkeit die „höchstnöthige Herstellung bürgerlicher Ordnung“ zum Ziele, nachdem in der „aus der Asche erhobenen Stadt Großenhain sich seit einiger Zeit ein beinahe gänzlicher Umsturz aller bürgerlichen Obrigkeit ereignet, aller Repect gegen die Obrigkeit gefallen“ sei. Erst 1804 bestätigt er die Besserung dieser Dinge.

In seinen Aufzeichnungen geht Chladenius auf die großen und kleinen Geschehnisse in seiner Stadt ein und ist oft aktiv Mitwirkender. Er hinterließ uns Berichte über den Boykott der zwei Hayner Wollmärkte durch die Rittergutsbesitzer seit 1765 und über den sächsischen Bauernaufstand von 1790. Aus Anlass des 400. Jubiläums der Leipziger Universität 1809 organisiert er am 4. Dezember eine „glänzende Feier im Societätssaale des Zietschmann‘schen Hauses“. Seine Rede ließ er drucken. Jubiläen sind seine Sache. Deshalb arrangiert er die Reformationsfeierlichkeiten am 31. Oktober 1817 höchstselbst und hält auch die Festrede. Drucken lässt er auch selbstverfasste Gedichte. So geschehen anlässlich der 50. Wiederkehr des Krönungstages von König Friedrich August am 20. September 1818 (,‚Im Zuge … Vicebürgermeister Chladenius mit Lorbeerzweige zur Bekränzung der Königsbüste“). Chladenius ist vielseitig, beschäftigt sich mit allem, was er für würdig hält, der Nachwelt überliefert zu werden. Seine Aufzeichnungen werden so zu wichtigen Quellen der Kenntnis vom Leben in unserer Stadt, und wir Heutigen können uns „ein Bild machen. Er stellte eine Liste aller Geburten und Sterbefälle zwischen 1701 und 1798 zusammen. Von unersetzlichem Wert ist, was er über Großenhain in der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon festgehalten hat. Allein über das schicksalhafte Jahr 1813 erfahren wir z. B.:

  • 26. März. 7000 Russen passieren die Stadt. „Vorher hatte man seine Noth, sich mit den Franzosen über Alles zu verständigen; jetzt mußte man wieder russisch staarmatzen“.
  • 8. Mai. Die von Blücher und Yorck geführten preußischen Truppen zogen zum Teil durch die Stadt. Er „selbst hatte zwei Hauptleute mit 4 Dienern und acht Pferden zu verpflegen“.
  • 16. Mai. Die sich zurückziehenden Preußen und Russen passieren Großenhain. Chladenius ist sich der Bedeutung des Ereignisses bewusst, denn Kanonenkugeln, „die in der Nähe der Neukirche niederfielen“, ließ er „später im Rathszwingergarten einmauern“.
  • September. Er beklagt die von den Franzosen in der Stadt angerichteten Verwüstungen.
  • 5. Oktober. Die Preußen misshandelten mehrere Ratsherren. Drei, darunter Stadtrichter Chladenius, wurden ins Militärlager beordert, in Arrest genommen „und zu diesem Zwecke mit Stricken an die Räder eines Wagens gebunden“.

Das Wirken des Chladenius ist natürlich noch wesentlich umfangreicher als hier dargestellt. Vielleicht erfährt die Großenhainer Öffentlichkeit mehr nach der Namensgebung des Gymnasiums: Chladenius-Gymnasium Großenhain. Oder doch Schuberth-Gymnasium?

(erschienen am 27./28. September 1997 und am 04./05. Oktober 1997 in der Sächsischen Zeitung, Reihe: Berühmte Großenhainer)