Der verschwundene Parteisekretär

Ein Ex-Großenhainer und die deutsche Nachkriegsgeschichte

Robert Bialek erlangte deutschlandweite Berühmtheit.

Im Westen machte er noch zu Lebzeiten Schlagzeilen. Die Öffentlichkeit im Osten wurde erst nach der Wende mit den Geschehnissen um ihn vertraut.

Fernsehsender (ARD 1997 und ORB 1998) zeichneten sein Leben in einem Dokumentarfilm von Freya Klier nach. Der Deutschlandfunk hatte bereits 1994 mit einem Feature reagiert. Sein Schicksal war Teil eines Forschungsprojekts über das Wirken der Stasi; die Autoren Herms und Noack steuerten ein Kapitel zum steilen Aufstieg und dem tiefen „Fall des Robert Bialek“ bei. Die bundesweite Veröffentlichung des Forschungsberichts im Dezember 1997 zwang manchen Bürger unseres vereinigten Vaterlandes dazu, die Stadt Großenhain im Atlas aufzuspüren. Robert Bialek war nur Großenhainer auf Zeit, hier begann ein neuer Abschnitt in seinem Leben. Seine spektakuläre Entführung am 04.02.1956 aus Westberlin durch die Staatssicherheit der DDR hob sein Schicksal aus der großen Anzahl von Flüchtlingen in den Westen heraus und beschäftigte in der Folgezeit Literaten, Wissenschaftler und Journalisten.

Auch die Sächsische Zeitung hatte sich am 03. August 1997 (M. Anders zum ARD- Film) und am 31. Juli 1997 (Ch. Striefler zur Person Bialeks) diesem Thema gewidmet, wobei seine Großenhainer Zeit recht pauschalisiert gewertet und keiner näheren Betrachtung unterzogen wurde.

Robert Bialek wurde als sechstes Kind einer Arbeiterfamilie am 23.06.1915 in Breslau geboren. Die Familie litt Not, Arbeitslosigkeit und Trunksucht des Vaters prägten ihr Dasein. Während der Weimarer Republik trat er der SPD-Jugendorganisation SAJ und 1931 der linken Splitterpartei SAP (Sozialistische Arbeiterpartei) bei. Als Jungstaffelleiter der Wehrorganisation der SAP konnte er seinen radikalen Neigungen in den Prügeleien mit der SA nachgeben.

Hitlers Machtübernahme machte dem ein Ende, und Bialek wurde politischer Leiter einer illegalen Gruppe der kommunistischen Jugend. Die Gruppe flog 1934 auf. Das Urteil des Breslauer Oberlandesgerichtes verbannte ihn von 1936 bis 1940 ins Zuchthaus. Sein Bemühen, nach der Haftentlassung erneut eine illegale Widerstandsgruppe aufzubauen, scheiterte zunächst, und er geriet in den Verdacht, ein Gestapo-Spitzel zu sein. 1942 bis 1944 hielt er nochmals die Organisationsfäden einer Widerstandsgruppe in den Händen. In der Illegalität verbrachte er die letzte Zeit vor dem Kriegsende.

Am 06. Mai 1945 kapitulierte das zur Festung erklärte Breslau vor der einrückenden Roten Armee. Das Wüten der Besatzungsmacht hinderte ihn nicht, seine kommunistische Gesinnung im „Komitee der Antifa“ wirksam zur Geltung zu bringen. Als klar wird, daß Breslau den Polen übergeben werden soll, schließt er sich am 07. Juli 1945 einem Treck politischer Aktivisten nach Dresden an. Am 20. Juli erreicht der Zug – an seiner Spitze ein Pferdefuhrwerk mit einer roten Fahne mit Hammer und Sichel – Dresden. Er traf mit Hermann Matern (Mitglied der Initiativgruppe des Zentralkomitees der KPD für Sachsen) zusammen, der aus Moskau gekommen war. Obwohl Matern Bialeks überschäumende Erwartungen vom Aufbau des Sozialismus bremst, erkennt er doch dessen Talent, sich frei und offen zu äußern.

Seit Juli 1945 ist Bialek Kommunist. Matern begleitet seinen Weg bis 1948 und hat Anteil am raschen Aufstieg des Breslauers: Jugendsekretär der sächsischen KPD- Organisation, Mitbegründer der Freien Deutschen Jugend 1946. Bereits im Herbst 1945 traf er mit dem damaligen Jugendsekretär der KPD, Erich Honecker, zusammen, der 1946 (bis 1955) den FDJ-Vorsitz übernimmt. Hier mag es schon zu ersten Konfrontationen gekommen sein, weil sich der begeisterungsfähige und ungestüme Bialek dem vorsichtig-verschlossenen Honecker nicht unterordnen konnte. Auch als er gewählter sächsischer FDJ-Vorsitzender ist, wagt er den Widerspruch. Auf dem 1. Parlament der FDJ (Pfingsten 1946) bringt er sich mit kirchenfeindlichen Äußerungen in Kontraposition zu Honecker und zieht sich später die Kritik Paul Verners (Mitglied im Parteivorstand und Zentralratsmitglied der FDJ) zu.

Doch der Agitator Bialek ist nicht zu bremsen. Die Wahlkämpfe des Jahres 1946 fordern seinen vollen Einsatz; er zieht als Abgeordneter in den Dresdner Landtag ein. Als Jugendsekretär der sächsischen SED (Oktober 1946) steht er inmitten der politischen Kämpfe jener Zeit.

Seine Partei schickt ihn 1947 zu einem Studienlehrgang an die Parteihochschule „Karl Marx“. Otto Buchwitz und Wilhelm Koenen, die beiden Vorsitzenden der SED in Sachsen, wollen das Temperament Bialeks in die von ihnen gewünschte Richtung lenken, ihn kontrollierbarer machen. Während seines Studiums in Liebenwalde und Kleinmachnow wird er zum „Musterfunktionär, … der sich für höhere Aufgaben qualifizierte“ (Herms/ Noack). 1948 endet der Lehrgang, eine Dozentenstelle an der Studieneinrichtung lehnt er ab. Im Juli 1948 ernennt ihn die SED-Spitze zum Politikkulturkommissar der Kasernierten Volkspolizei, die den Kern der künftigen DDR-Armee darstellte und in deren Führungsrängen damals eigentlich nur Moskau- Exilanten, Angehörige des Nationalkomitees „Freies Deutschland“ oder ehemalige Spanienkämpfer standen. Daß Bialek in diese Kreise vorstieß, ist mit ziemlicher Sicherheit der Fürsprache Materns und der Hilfe der Sowjetischen Militäradministration (SMA) in Sachsen zu verdanken.

Nach vier Wochen wirft er die Generalsuniform Ulbricht vor die Füße. Enttäuscht und verbittert schreibt er sein Abschiedsgesuch.

Sein politischer Abstieg ist beschlossen.

Noch immer den Kopf voller Illusionen und im Glauben an den Erfolg der kommunistischen Sache landet er – in Großenhain.

In seiner Großenhainer Zeit ist Bialek geradezu die Personifizierung politischer Vorgänge in der sowjetischen Besatzungszone auf deren Weg zur Gründung der DDR. Im Sinne der SED-Führung nimmt er öffentlich Stellung zu den Problemen des bewegten und entscheidenden Jahres 1949. Es geht um die Solidarität mit dem in den Westzonen verfolgten Kommunistenführer Max Reimann, um den Zweijahrplan und immer wieder – so auch auf der Kreisparteikonferenz im Februar 1949 im Großenhainer Schützenhaus – um die Entwicklung der SED „zur Partei neuen Typus“. Die Sächsische Zeitung berichtete am 21.02. über eine Aussprache im Schützenhaus zum Thema „Über die Russen und über uns“. Der Saal mußte wegen Überfüllung geschlossen werden. Das Interesse der Großenhainer Jugend war groß, und sie erhielt „Antworten … durch Herrn Bialek“, um „zu einer richtigen und positiven Einstellung zu kommen“.

Im Schützenhaus kam die Bevölkerung zusammen, dort wurden die zentralen SED- Beschlüsse in Kommunalpolitik umgesetzt. So ging es auf der Parteikonferenz im Februar um „Die SED des Kreises Großenhain auf dem Wege zur Partei neuen Typus.“ Die Teilnehmer wurden durch den „SED- Kreisvorsitzenden, Genossen Bialek“ begrüßt, „der die Konferenz als Markstein in der Vorwärtsentwicklung unserer Partei bezeichnete“. In der Berichterstattung über die Geschehnisse von damals widerspiegeln sich gleichzeitig die Methodik der Propaganda und die von ihr verwendeten Ausdrucksweisen. Die Beschlüsse der Konferenz reichten über Großenhain hinaus, betrafen in besonderer Weise die für den Wiederaufbau wichtigen Stahlwerke in Gröditz und Riesa. Von einem Widerstand Bialeks gegen die Berliner Führung ist nichts zu spüren. Ein SZ- Artikel (25.02) bekräftigt, daß die SED Großenhain voll hinter den „Entschließungen der 1. Parteikonferenz unserer Partei vom 24. bis 28.1.1949“ steht. Auch bei der Gewinnung von Partnern im Klassenkampf gibt Bialek den Ton an. So auf der SED-Bauernversammlung Anfang März. „Genosse Bialek“ bezeichnete es „als die wesentlichste Aufgabe der Konferenz, die Notwendigkeit, die geeigneten Mittel und Methoden zu finden, um die ökonomische Abhängigkeit der Klein- und Mittelbauern von den Großbauern beseitigen zu helfen“. Seine Rede läßt nicht nur das Jahr 1952 (2. Parteikonferenz der SED mit dem Beschluß zur Gründung der ersten LPG) vorausahnen, sie deutet neben den Erfolgen auch die Widerstände und Schwierigkeiten der gesellschaftlichen Prozesse an. Bialek ermahnt die Bauern, rechtzeitig mit der Frühjahrsbestellung „als Teil des Kampfes für die Demokratisierung des Dorfes“ zu beginnen: In den MAS (Maschinen- Ausleih- Stationen) seien Mißstände zu beklagen. Ausdrücklich dankt er der Sowjetunion „für die Belieferung unserer MAS mit 1000 Traktoren, 540 Lastwagen und 10 000 Tonnen Walzstahl“. Aber „leider liegt kein Beispiel vor, daß Dorf-Ortsgruppen zu dieser Frage aus eigener Initiative Stellung genommen hätten“.

Mitte März ruft die „Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion“ die Großenhainer zum zweiten mal zum Thema „Die Russen und wir“ ins Schützenhaus. Doch der Andrang der Interessierten bleibt diesmal aus. „Leider fehlte an diesem Abend das belebende Element der Jugend“. Vor den Anwesenden klärte der SED- Kreisvorsitzende Bialek in der Diskussion bedeutende Fragen. Er gab „die Anregung… das Buch >> Ein Sechstel der Erde <<… des Dekans von Canterbury, Dr. Johnson, zu lesen“. Dadurch werde „jeder fortschrittliche deutsche Mensch, jeder Deutsche, der seine Heimat und sein Vaterland liebt, ein gesundes Verhältnis zur Sowjetunion gewinnen“.

Auch das Schulwesen ist sein Brevier. Ende März findet am schon bekannten Versammlungsort die Kreisschulkonferenz unter dem Dirigat des Schulrates Petermann statt. Die ostdeutschen Geschicke werden besprochen, und „die einmütige Stimme des Deutschen Volksrates vermittelte Genosse Bialek nach eigenem Erleben von der gewaltigen Kundgebung“. Daß man sich jedesmal im „Schützenhaus“ versammelt, ist nicht mehr zeitgemäß. Eine kurze SZ-Verlautbarung begründet die Umbenennung damit, daß sich dort schon lange keine Schützen mehr träfen. Künftig treffen sich Partei und Öffentlichkeit in „Trobischs Gaststätte“.

Die zugespitzte Weltlage wird auch in Großenhain erörtert und eine Mobilisierung der Massen angestrebt. Am Freitag, dem 1. April, finden sich 1300 Großenhainer zu einer „machtvollen Großkundgebung unter dem Motto >>Weltfriedenskongreß-Kampf gegen die Kriegstreiber<< zusammen“. Es sprach „Robert Bialek, Mitglied des Deutschen Volksrates. Seine Ausführungen wurden öfters durch lebhaften Beifall unterbrochen“. Jedermann soll für den Frieden eintreten. Er berichtete von der 6. Tagung des Deutschen Volksrates, über „die einstimmige Annahme der Verfassung, die er als eine der fortschrittlichsten der Welt hinstellte“, und schloß mit den Worten: „Es lebe ein einheitliches, demokratisches Deutschland“.

Mitte April kommen 300 Delegierte und 200 Gäste in Trobischs Gaststätte zur 4. Kreisdelegiertenkonferenz der FDJ zusammen. Am zweiten Konferenztag spricht der „SED-Kreisvorsitzende Bialek, einer der Mitbegründer der FDJ“ und bestätigt: die „fortschrittliche, demokratische Jugend hat einen gewaltigen Weg des Erfolges zurückgelegt“.

Der sich täglich zuspitzende Kalte Krieg macht die Friedensbewegungen in Ost und West aktiv. Die SZ berichtet am 22. April, daß anläßlich der Pariser Weltfriedenskonferenz die Großenhainer Bevölkerung mit 2000 Teilnehmern auf dem Karl-Marx-Platz für den Frieden auf der Welt demonstrierte. In seiner neuen Funktion richtete „der Vorsitzende des Kreisvolksausschusses, Robert Bialek, … einen flammenden Appell an die Demonstranten“, um „den nationalen Widerstandswillen zu entfalten“. Für den bevorstehenden ersten Mai ruft er die Einwohner Großenhains zur „Kundgebung für den Weltfrieden“ auf.

Als am Pfingstsonnabend 1949 200 Mitglieder der Freien Deutschen Jugend in unserer Stadt zum „Fest der Jugend“ nach Leipzig verabschiedet werden, gibt ihnen R. Bialek mit auf den Weg: „Das 3. Jugendparlament in Leipzig … hat erwiesen, daß in der Ostzone das Jugendproblem innerhalb der antifaschistischen Ordnung überhaupt kein Problem ist“.

Die SED ist dabei, die Jugendlichen möglichst umfassend in der FDJ zusammenzuschließen. Das schien jedoch auf Schwierigkeiten zu stoßen. Es waren erst 4 Jahre vergangen, als Kinder und Jugendliche in der HJ willenlos gemacht und als Opfer der Führungsclique mißbraucht worden waren.  Jetzt sollen die noch mißtrauisch abseits Stehenden in den neuen Jugendverband integriert werden. Darum ist Robert Bialek Mitunterzeichner des Aufrufs des „Blocks der antifaschistisch-demokratischen Parteien und Massenorganisationen an die Jugend des Kreises Großenhain zur Schaffung des Millionenverbandes der Jugend“. Alle Jugendlichen, „die noch außerhalb der FDJ“ sind, werden aufgerufen: „Organisiert Euch in der Freien Deutschen Jugend, der großen nationalen Organisation der deutschen Jugend“.

Ein Höhepunkt der Tätigkeit Bialeks in Großenhain ist die Parteiarbeiterkonferenz zur Errichtung der Nationalen Front vom 18. Juni 1949. Er hielt ein zweistündiges Referat zu theoretischen Grundlagen des Marxismus-Leninismus und erklärte seinen Standpunkt zu den Begriffen „Nation“, „national“ und „nationales Bewußtsein“. Das beweist, wie weit die Spaltung Deutschlands in zwei unterschiedliche Staaten ideologisch schon vorbereitet war. Demgemäß beurteilte er die SED-Politik seit 1946 als „richtig verstandene Blockpolitik und ihre Ergebnisse, die notwendige Vereinigung der … zwei Arbeiterparteien, den Kampf um die Einheit Deutschlands und schließlich die Bildung der Nationalen Front … „ als Voraussetzungen zur Überwindung der deutschen Spaltung; dies „ist die große politische Aufgabe der Zeit“.

Der Widerspruch zwischen der Suche nach einer eigenen Identität Ostdeutschlands (als „Nation“) und der offiziellen und öffentlichen Forderung nach der Einheit Deutschlands ist offensichtlich.

Auch bei der Propagierung der Linie der SED-Zentrale sind in Bialeks Auftreten in Großenhain in den folgenden Monaten keine kritischen Worte oder gar offene Opposition erkennbar. Im Gegenteil. Der propagandistische Apparat läuft noch einmal auf Hochtouren. Am 8. September 1949 kehrt die Delegation der FDJ von den Weltjugendfestspielen aus Budapest zurück. Es wird zu einer Großkundgebung um 17 Uhr auf dem Karl-Marx-Platz aufgerufen. Bereits am Vortag verkündet die SZ:     Es „wird ein Mitglied der Delegation – der Jugendkamerad Robert Bialek – der Großenhainer Bevölkerung über seine Eindrücke und Erlebnisse bei den Weltjugendfestspielen in Budapest Bericht erstatten“. Der Wettergott hatte etwas dagegen. Die Kundgebung wurde in Trobischs Gaststätte verlegt.

Die Darstellung seines Wirkens in Großenhain zeigt, daß er mit Begeisterung an den SED-Zielen, der Errichtung der Diktatur des Proletariats und der uneingeschränkten Führungsrolle seiner Partei hing. Er träumte von der „wahren Herrschaft der Arbeiterklasse“, die er durch vorbildliche „Arbeit an der Basis“ in seiner eigenen Tätigkeit realisieren wollte. Was ihn störte, war die Arroganz, das dogmatische Verhalten einzelner SED-Funktionäre. Aber die Auseinandersetzungen mit Ulbricht wurden nicht in Großenhain ausgetragen. Er glaubte, seinen Standpunkt auch gegenüber Mielke (damals 2. Vizepräsident der Deutschen Verwaltung des Inneren), Kurt Fischer (Präsident) und W. Ulbricht (stellvertretender SED-Vorsitzender) äußern zu dürfen. Diese Selbstüberschätzung des im Juli 1948 vom SED-Zentralsekretariat zum Politkulturkommissar der Kasernierten Volkspolizei (KVP) im Range eines Generalinspekteurs (das entsprach dem Rang eines Generalleutnants) erhobenen Bialek, hatte ihn schon am 9. Oktober 1948 sein Entlassungsgesuch einreichen lassen, dem Fischer zum 15. Oktober stattgab und das Bialeks „Verbannung“ in die Provinz als Kreisvorsitzender der SED in Großenhain ab Februar 1949 zur Folge hatte. Welchen Wert die SED-Spitze dieser Funktion beimaß, macht der Vermerk in seiner Kaderakte deutlich, „daß es sich bei Bialek um einen Phantasten aufgrund seines starken Geltungsbedürfnisses handelt. Es ist angebracht, ihn von allen verantwortungsvollen Funktionen fernzuhalten“.

Das Mißtrauen Ulbrichts hatte Bialek nach Großenhain begleitet.

Im November 1949 nahm Lotte Kühn (später: Lotte Ulbricht) als Beauftragte des SED-Zentralkomitees an einer Kreisdelegiertenkonferenz des Kreisverbandes der SED in Großenhain teil. Gegen Bialek war eine Intrige von langer Hand vorbereitet, die ihn völlig unerwartet traf. Der „Fall Bialek“ war bereits am 10. November Gegenstand einer Beratung in der SED-Führung. Ulbricht legte fest: „Hinsichtlich der Absetzung des bisherigen 1. Kreissekretärs Genossen Bialek wird die Kaderleitung beauftragt, alle Dokumente über den Genossen Bialek gründlich zu prüfen.“

„Gründlich prüfen …“, das bedeutete: Verlust seiner Arbeit und offene Feindschaft der führenden Funktionäre ihm gegenüber. Der Rest ist schnell geschildert. Bialek erhält einen Arbeitsplatz in der Kommunalverwaltung Bautzen (noch mit einträglichem Einzelvertrag), wird Kulturdirektor in einem großen Betrieb, erhält 1950 die Aktivistenmedaille. Der Kritik an seinen „Holzhammer-Methoden“ in der „Lausitzer Rundschau“ (1952) folgt die fristlose Entlassung (19.08.) und der Ausschluß aus der SED (05.09.). Er schlägt sich mit Hilfe von Freunden und seiner Familie durchs Leben, handelt mit Zierfischen. Dennoch wird er als „Unterstützer des Sozialdemokratismus“ gebrandmarkt, die Kreisdienststelle des MfS Bautzen will „trotzkistische Zersetzungsarbeit“ erkannt haben.

Der 17. Juni 1953 erlebt ihn noch einmal als Pro-DDR-Agitator auf einer Baustelle. Als ihm Freunde seine bevorstehende Verhaftung mitteilen, fährt er in der Nacht zum 27. August 1953 nach Berlin und überschreitet am Potsdamer Platz die Grenze zu jener Welt, die er in seiner Großenhainer Zeit noch der Kriegstreiberei bezichtigt hatte.

Sein Fall erregt Aufsehen. Im Durchgangslager Marienfelde gibt er sich zu erkennen. Der amerikanische und der französische Geheimdienst wollen den Überläufer für ihre Propagandazwecke benutzen. Das stößt bei Bialek auf Ablehnung. Anders die Engländer. Sie sind an einer Zusammenarbeit mit ihm interessiert, akzeptieren seine Kritik am kapitalistischen System.

1954 übergibt Bialek seinen britischen Mentoren eine Liste mit Verbesserungsvorschlägen für BBC-Sendungen, die sich an die DDR-Bevölkerung richten. In seinem Schreiben übt er Kritik an der Kluft, die er zwischen der marxistisch-leninistischen Theorie in ihrer praktischen Umsetzung in den Ostblockstaaten sieht. Im September 1955 erscheinen Bialeks Memoiren als Buch in London („The Bialek Affair“). Über das Ostbüro der SPD unterstützt er seit 1953 aufklärerisch das Entstehen einer SED-Opposition. Mehr als zehntausend Exemplare einer Flugschrift wurden in die DDR lanciert. Ab Mai 1955 arbeitet er hauptamtlich im Westberliner SPD-Ostbüro. Sein Deckname ist „Bruno Wallmann“. In seinem Büro beim Bahnhof Zoo knüpft er Kontakte zu SED-Mitgliedern und Funktionären des Staatsapparates der DDR. Die MfS-Zentrale hatte nach einem knappen Vierteljahr erkannt, daß Bialek in zwei „Zentralen des Klassenfeindes“ tätig war: als Informationssammler im Ostbüro der SPD und in der deutschsprachigen Abteilung von BBC.

Die Staatssicherheit beschloß seinen Tod und bereitete akribisch seine Entführung aus Westberlin vor. Zwei scheinbar mit dem Ostbüro zusammenarbeitende Volkspolizisten aus der Haftanstalt Rummelsburg luden ihn zu einer Feier ein.

Nach dem Genuß eines Bieres soll ihm schlecht geworden sein.

An jenem Abend des 4. Februar 1956 verliert sich die Spur des Robert Bialek im Dschungel des Kalten Krieges.

Die Akten des MfS geben exakt Auskunft über seine Entführung. Sein Ende verschweigen sie.

Herms und Noack haben in den Akten ab 1956 des Zuchthauses Bautzen weder Hinweise auf ein Urteil noch eine andere Eintragung gefunden. Die Gauck-Unterlagen geben bisher auch keine Auskunft über eine Mitwirkung der sowjetischen Geheimdienste.

Inge Bialek erhielt 1992 die amtliche Mitteilung aus Moskau, daß ihr Mann weder in sowjetischer Haft gewesen, noch von einem dortigen Gericht verurteilt worden sei. Es besteht die Hoffnung, bei der Durchsicht der sich bei der Gauck-Behörde befindlichen Rollfilme mit den Justizakten von über 38 000 in der DDR verhafteten Personen oder in den Ablagen Mielkes auf Hinweise zum Tode Bialeks zu stoßen.

Der direkt mit der Entführung beauftragte Bruno Beaters hat eventuell Notizen über die Zeit von Februar bis Mai 1956 hinterlassen. Spekuliert wird auch, daß im Entführungsfall Bialek eine „Panne“ eingetreten war und der kranke Bialek kurz nach seiner Entführung verstarb.

Ende Juli 1997 wurde einer der Entführer (ein 83jähriger) Bialeks vom Berliner Landgericht zu einer Bewährungsstrafe von 10 Monaten verurteilt.

Im Kalten Krieg schwiegen auf deutschem Boden zwar die Waffen, Menschenleben kostete er dennoch.