Die Gründung der I. Internationale

Die Gründung der I. Internationale. Zur Gestaltung der Stoffeinheit 8.3. In: Geschichtsunterricht und Staatsbürgerkunde 9/80. Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin 1980. S. 800 – 807.

Die Diskussion auf der Leserkonferenz 1979 in Wittenberg gab uns unter anderem Anlass, nach effektiven Wegen zu suchen, um im Geschichtsunterricht der Klasse 8 die Erkenntnis von der Formierung der Arbeiterbewegung zu einer selbständigen politischen Kraft erziehungswirksamer zu realisieren. Einen wichtigen Beitrag dazu leistete H. Scholze im Heft 10/179 unserer Fachzeitschrift. /1/

Ich möchte an solche Überlegungen anknüpfen und lasse mich von folgenden Gesichtspunkten leiten:

1. Welches exakte Wissen über historische Ereignisse. Tatsachen und Zusammenhänge muss so gründlich erarbeitet werden, dass die geschichtlichen Erkenntnisse beweiskräftig fundiert sind und emotional tragfähig werden können.

2. Wie gelingt es, in der Stoffeinheit 8.3. den historischen Fortschritt so herauszuarbeiten, dass die Schüler ein lebendiges Bild

  • von der Entwicklung der Produktivkräfte im Prozess der vollen Durchsetzung des Kapitalismus und
  • von der sich herausbildenden, immer bewusster auftretenden Arbeiterklasse und von deren Entwicklung zu einer politisch selbständig handelnden Kraft erhalten?

3. Wie müssen wir den Unterricht methodisch so gestalten, dass er den in den Fragen 1 und 2 gestellten Ansprüchen gerecht wird?

Der Lehrplan fordert, dass sich die Schüler lebendige Vorstellungen und dauerhafte Kenntnisse „über die Auswirkung der weiteren Durchsetzung des Kapitalismus auf die soziale Lage des Proletariats, auf dessen Stellung in der Gesellschaft und wachsende Kampfbereitschaft sowie über den Aufschwung der Streik- und Gewerkschaftsbewegung in dieser Periode aneignen. Sie sollen Klarheit über historisch herangereifte Aufgaben des Proletariats und über den unter Führung von Marx und Engels beschrittenen Weg zu deren Verwirklichung erhalten“ /2/

Der Schwerpunkt der ideologischen Erziehung liegt in der „Begründung des politischen Kampfes der Arbeiterklasse gegen die Bourgeoisie als notwendige Aufgabe des Proletariats zur Verwirklichung seiner historischeri Mission“ /3/.

Diese Forderungen stützen sich auf folgende inhaltliche Struktur der Stoffeinheit:

Stoffeinheit 3

 1. Die Entwicklung des Kapitalismus im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts

    • stürmische Entwicklung der Produktivkräfte in der industriellen Revolution
    • volle Ausprägung des Kapitalismus der freien Konkurrenz in den fortgeschrittenen Ländern
    • seine Entwicklung zu einem weltumspannenden System
    • unversöhnlicher Klassenantagonismus zwischen Bourgeoisie und Proletariat

 2. Die Entwicklung der Arbeiterbewegung

    • die verschärfte Ausbeutung des in Industriezentren zusammengeballten Proletariats
    • die zunehmenden Kämpfe gegen Ausbeutung und Entrechtung
    • die Gründung der I. Internationale und ihre Entwicklung unter Führung von Marx und Engels zum internationalen Zentrum der revolutionären Arbeiterbewegung
    • das historische Erfordernis der Entwicklung der Arbeiterklasse zu einer politisch selbständig handelnden Kraft
    • die weitere Begründung des Kampfes der Arbeiterklasse zur Verwirklichung ihrer historischen Mission durch Marx und Engels (Kapital)

Die Schüler müssen bereits von Klasse 7 an über solides Wissen verfügen, um den Anforderungen der Stoffeinheit 8.3. gerecht werden zu können. Aus dieser gesamthistorischen Sicht sollen die Schüler erkennen, wie aus der unterdrückten Arbeiterklasse jene Klasse entsteht, die sich trotz Niederlagen und Rückschlägen ihrer Bewegung von Anfang an zu einer qualitativ neuen geschichtsbildenden Kraft entwickelt“ /4/. „In diesem revolutionären Ringen … zeigt sich bereits die historische Überlegenheit der neuen Klasse über die Bourgeoisie.“ /5/

Ich möchte die lehrplangebundene geschichtliche Entwicklungslinie, die die Klassenformierung des Proletariats zum Inhalt hat und auf die sich die Arbeit in der Stoff- einheit 8.3. stützt, im folgenden Überblick verdeutlichen:

Zur Herausbildung des Proletariats

Stoffeinheit 7.2.:

    • die Entstehung des freien Lohnarbeiters im Prozess der ursprünglichen Akkumulation (Einhegungen, Manufakturwesen)
    • die im Prozess der industriellen Revolution des 18. Jahrhunderts in England erfolgende Ballung von Fabrikarbeitern in Industriezentren, ihre Ausbeutung
    • die Grundklassen der kapitalistischen Gesellschaft: Bourgeoisie und Proletariat

Stoffeinheit 7.6.:

    • das Landproletariat nach der preußischen „Bauernbefreiung“
    • die Lage der Fabrik- und Manufakturarbeiter in den industriellen Zentren des Rheinlandes, Sachsens und Schlesiens

Stoffeinheit 7.7.:

    • erste Aktionen der Arbeiterklasse (Maschinenstürmer und Seidenweber)

Zu den Anfängen der revolutionären Arbeiterbewegung

Stoffeinheit 8.1.:

    • Versuche, die Lage der Arbeiterklasse zu verändern (utopische Sozialisten, der Bund der Gerechten)
    • der schlesische Weberaufstand und seine Lehren
    • der Bund der Kommunisten
    • das wissenschaftliche Programm zur Befreiung der Arbeiterklasse: das „Manifest der Kommunistischen Partei“

Stoffeinheit 8.2.:

    • die Forderungen der Kommunistischen Partei Deutschlands, konsequenter Ausdruck der Hauptaufgaben der Revolution 1848/49
    • die aktive Mitwirkung der Arbeiter an den revolutionären Kämpfen als die konsequenteste demokratische Kraft
    • die Tätigkeit der „Neuen Rheinischen Zeitung“
    • die Arbeiterklasse als die revolutionäre Kraft, den Kampf um die Verwirklichung der Interessen des Volkes zu führen.

Die Übersicht macht meines Erachtens deutlich, welche umfassenden historischen Einsichten in den Prozess der Klassenentwicklung des Proletariats bereits gegeben sind. An sie muss in der Stoffeinheit 8.3. in geeigneter Weise angeknüpft werden. Hier wird diese kontinuierliche Unterrichtsarbeit fortgesetzt, indem zunächst herausgearbeitet wird, dass mit der Zuendeführung der industriellen Revolution, mit der vollen Ausprägung des Kapitalismus der freien Konkurrenz und seiner Entwicklung zu einem Weltsystem neue, weiterentwickelte Kampfbedingungen für die Arbeiterklasse gegeben sind. Die historische Entwicklung des Kapitalismus drängte zu einer neuen Stufe des Kampfes der Arbeiterklasse /6/, stellt H. Scholze in ihrem bereits genannten Beitrag fest. Diese höhere Entwicklungsstufe des Kampfes der Arbeiterklasse muss nun anschaulich und überzeugend herausgearbeitet werden. Das Erfassen dieser höheren Stufe der Klassenauseinandersetzungen zwischen Bourgeoisie und Proletariat ist eine entscheidende Voraussetzung für den Unterricht in der Stoffeinheit 8.4. In meinen nachfolgenden Darlegungen möchte ich einer Stundenstruktur folgen, die etwas von der H. Scholzes abweicht:

    • Stunde 8.3.4.: Die Lage der Arbeiterin den kapitalistischen Ländern
    • Stunde 8.3.5.: Die 1. Internationale
    • Stunde 8.3.6.: Der Kampf der Arbeiter gegen Ausbeutung und Unterdrückung

Der Höhepunkt liegt eindeutig in der Stunde 8.3.5. Dabei ist es wichtig, der Gefahr zu entgehen, „dass die jungen Menschen die Geschichte wie ein Denkmal bestaunen. Wir wollen, dass sie Achtung vor den großen historischen Leistungen der Menschheit haben, vor dem, was die Arbeiterklasse geschaffen hat, und vor denen, die im Kampf für die menschlichste Sache der Welt seit Generationen vorangegangen sind, vor den Kommunisten“ /7/.

Zur Stunde: Die Lage der Arbeiter in den kapitalistischen Ländern

Ich wählte folgenden Einstieg: Wir wissen, dass sich in der damaligen kapitalistischen Welt bedeutende Veränderungen vollzogen hatten. Karl Marx, der seit 1849 in London lebte, beobachtete und analysierte diese Veränderungen: das Entstehen immer größerer Betriebe, die schnell wachsende Zahl der Produkte, die in die Höhe schießenden Gewinne und die Gier der Kapitalisten nach immer größerem Profit, die Herausbildung der Großbourgeoisie. Er beobachtete aber auch sehr aufmerksam die Entwicklung der Arbeiterklasse, sah ihre Verzweiflungsaktionen als Antwort auf den immer länger werdenden Arbeitstag. Karl Marx verfolgte alle bedeutsamen gesellschaftlichen Veränderungen seiner Zeit mit größter Gründlichkeit. Wir wollen mit ihm wissen:

1. Wie war die Lage der Arbeiter damals tatsächlich?
2. Welche Aufgaben hatten sie zu lösen?
3. Wie erfolgte der Kampf um die Lösung dieser Aufgaben?

Die drei folgenden Stunden sollen auf jede vorgegebene Frage eine erschöpfende Antwort geben. Ich folgte anschließend zunächst der von H. Scholze gewählten Problemstellung:

Erklärung einer bürgerlichen Zeitung in England 1850: „Steigt Englands Ein- und Ausfuhr um 50 Prozent, so fällt der englische Pauperismus auf Null.“

Erklärung des englischen Schatzkanzlers Gladstone am 7. April 1864: „Die Gesamtaus- und -einfuhr ist seit 1843 ungefähr dreimal so groß. Das Leben der Menschen ist in neun Fällen von zehn ein bloßer Kampf um die Existenz!“ /9/

    • Welche Zukunftsaussicht hatte die englische Bourgeoisie den englischen Arbeitern 1850 gegeben?
    • Was musste der englische Schatzkanzler Gladstone nach 14 Jahren feststellen?
    • Was ist die Ursache für diese Entwicklung gegen die Interessen der englischen Arbeiter?
    • Was kennzeichnet demzufolge die Lage der englischen Arbeiter um 1864?

In die Beantwortung dieser Ausgangsfragen bezog ich ebenfalls Material ein, das H. Scholze in ihrem Artikel zu den Lebensverhältnissen der Arbeiter angeführt hat. Zugleich setzte ich örtliches Material ein; das erfolgte unter zweifacher Zielstellung:

Erstens sollten die Schüler aus dem Zustand des Riesaer Eisenwerkes eine Vorstellung von den damaligen Arbeitsbedingungen in Deutschland bekommen. (Das Material wurde unter verschiedenem Blickwinkel auch in der Stoffeinheit 8.6. mehrfach ausgewertet.)

Zweitens sollten die Schüler aus dem Inhalt und der Art und Weise der Formulierung der „Arbeitsordnung“ des Eisenwerkes aus den sechziger Jahren des vorigen [19.] Jahrhunderts auf die Rechtlosigkeit der Arbeiter und die Notwendigkeit politischer Organisiertheit der Arbeiter zur Durchsetzung eigener Interessen schließen.

Aus einem zeitgenössischen Bericht:
„In Riesa fand ich zwei alte ganz unmoderne Walzwerke, angetrieben ursprünglich durch ganz einfache Dampfmaschinen ohne Kondensation; sie waren, nachdem man erkannt hatte, dass man so auf keinen grünen Zweig kommen konnte, nachträglich notdürftig modernisiert und dadurch so kompliziert geworden, dass sie nur mühsam in klapperndem Gang gehalten werden konnten. Die Schweißöfen, denn man konnte nur fragwürdiges Schweißeisen aus Alteisen erzeugen, waren viel zu klein und standen so nahe an den Walzenstraßen, dass man nur ganz kurze Längen walzen konnte. Zu allem Unglück standen aber auch noch Walzwerk und Schwanzschere rechtwinklig zueinander, so dass man, wenn man schneiden wollte, nicht walzen konnte.

Kesselanlagen und alles Zubehör, namentlich auch die Baulichkeiten, waren in einem jammervollen Zustande. Neben diesen Abteilungen bestand noch ein Gasrohrwerk in kleinstem Maßstabe und eine Niederlage für Petroleum, die an eine Handelsfirma vermietet war: weiter gab es in Riesa nichts … Man hatte ein beschämendes Gefühl, wenn man jemandem das Innere des Werkes zeigen musste; der Besucher verließ das Werk gewöhnlich mit den Worten: Eine fürchterliche Bude!“

In der „Arbeitsordnung“ des Eisenwerkes stand:
„Alle Arbeiter haben zu ihrer Verheiratung die Genehmigung des Werkvorstehers einzuholen. Diese Genehmigung soll dem Bräutigam in der Regel nicht vor dem vollendeten 24. Lebensjahre und auch nur dann erteilt werden, wenn er einiges Vermögen besitzt, oder durch Sparkassenbuch eine Ersparnis von mindestens 30 Talern nachweist und wenn der Leumund der Braut nach Auskunftserteilung durch die Knappschafts-Ältesten, Vormünder, Dienstherrschaften oder Ortsgerichte ein guter ist, sie auch zur Führung einer Haushaltung geeignet erscheint, wofür die in einem Dienstverhältnis oder sonst gemachten Ersparnisse sprechen würden.“

Der zweite Teil dieser ‚Arbeitsordnung“ enthält in 27 umfangreichen Paragraphen Strafbestimmungen:
„Bestraft wird, wer Anordnungen nicht befolgt, wer ungehorsam gegen Vorgesetzte ist, wer seine Vorgesetzten beleidigt oder sich widerspenstig und widersetzlich gegen sie benimmt, wer seine Vorgesetzten nicht vorschriftsmäßig grüßt und die schuldige Achtung nicht bezeugt …“ usw.

Im dritten Teil wird festgelegt, wie die Strafbestimmungen anzuwenden sind. Danach wird über jeden Fall ein Strafzettel angefertigt, in wichtigen Fällen sogar Protokolle, die dann den verschiedenen Instanzen vorgelegt werden. Die Geldstrafen – von mehreren Silbergroschen bis zu mehreren Talern – wurden bei der nächsten Lohnzahlung einbehalten. /10/

Die Schüler erkannten zum Schluss der Stunde die richtigen historischen Forderungen:

1. politischer Kampf gegen die kapitalistische Ausbeutung
2. politischer Kampf gegen die Entrechtung und Unterdrückung der Arbeiter
3. internationaler Zusammenschluss gegen den gemeinsamen Klassenfeind

Die dritte Forderung wurde vom Lehrer mit dem Hinweis vorgegeben, dass sie zu Beginn der nächsten Stunde aufgegriffen wird. Die drei Forderungen wurden in das Tafelbild der Stunde übernommen.

Zur Stunde: Die I. Internationale

Wenn der Lehrplan formuliert, den Kampf von Marx und Engels zur Verwirklichung der Notwendigkeit „des internationalen Zusammenschlusses und des gemeinsamen Kampfes der Arbeiter aller Länder“ /11/ als Stoff zu behandeln, so schließt das auch ein, dass den Schülern verdeutlicht wird, welche Widerstände und verschiedenartige Ansichten Marx zu überwinden hatte. Die Schüler erhalten damit einen konkreteren Einblick in den tatsächlichen Verlauf der Geschichte.

Um der inhaltlichen Linienführung und den Erkenntniszielen /12/ des Lehrplanes zu entsprechen, treten folgende Schwerpunkte hervor:

    • Die Gründung der I. Internationale erfolgte als Ergebnis harter Klassenauseinandersetzungen zwischen Arbeiterklasse und Bourgeoisie.
    • Die Wirksamkeit und Bedeutung der I. Internationale müssen demzufolge daran gemessen werden, ob und wie sie den politischen Kampf der Arbeiterklasse gegen Bourgeoisie und Reaktion stärkte.
    • Die I. Internationale führte kontinuierlich die mit der Gründung des Bundes der Kommunisten begonnene Entwicklung des internationalen Zusammenschlusses der Arbeiterklasse als wichtige Voraussetzung für ihren siegreichen Kampf weiter.
    • Karl Marx war „die Seele dieser Organisation“ (Lenin).

1. Schritt: Reaktivierung im Unterrichtsgespräch

Aufgaben zur Wiederholung:

    • Was war die erste Vereinigung des revolutionären Proletariats?
    • Nenne das Programm, das Marx und Engels im Auftrage dieser Partei ausarbeiteten!
    • Welches war sein Hauptziel?
    • Welche Entwicklung nahm die Arbeiterklasse mit dem gewaltigen Aufschwung der kapitalistischen Industrie in der Mitte des 19. Jahrhunderts?

An diese Reaktivierung schließen sich einige Informationen des Lehrers an über erste gewerkschaftliche Vereinigungen der Arbeiterklasse in verschiedenen Ländern, über harte Streikkämpfe der Arbeiter gegen die sich verschärfende Ausbeutung und über zahlreiche spontane Bestrebungen von Arbeitern aus England, Frankreich, Deutschland, Polen und anderen Ländern, um eine internationale Vereinigung zu schaffen. Zugleich weist der Lehrer darauf hin, dass das Ziel eines internationalen Zusammenschlusses des revolutionären Proletariats von Marx und Engels bereits im Kommunistischen Manifest verkündet worden war: Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!

Wie wurde Marx „zur Seele“ einer neuen internationalen Vereinigung?

2. Schritt: Erarbeitung der Gründung der I. Internationale

Lehrervortrag:

Am Abend des 28. September 1864 trafen sich in der Londoner Konzerthalle Hunderte Arbeiter englischer, französischer, deutscher, polnischer, italienischer und schweizer Nationalität. Unter denen, die sich zu dieser Versammlung begaben, befand sich auch Karl Marx. Marx steckte damals tief in seiner wissenschaftlichen Arbeit. Und doch unterbrach er in diesem September seine wissenschaftlichen Untersuchungen und ging zu diesem Meeting.

„Der Versammlungsraum war zum Bersten voll. Mit großem Beifall empfangen, eröffnete der zum Vorsitzenden gewählte Professor Beesly das Meeting, das vom Chor des Deutschen Arbeiterbildungsvereins in London mit revolutionären Liedern umrahmt wurde. Mit Freude und begeisterter Zustimmung nahmen die Anwesenden die vorgetragenen Adressen der englischen und französischen Arbeiter auf.“ /13/

Worin lag wohl die große Bedeutung dieses Meetings? Warum war es für Marx so wichtig?

Die Versammlung beschloss unter stürmischem Beifall, eine Internationale Arbeiterassoziation, die I. Internationale, zu gründen. Ein sogleich gewähltes Komitee wurde beauftragt, einen Entwurf von Statuten auszuarbeiten.

„Unter allen Versammlungsteilnehmern in St. Martin‘s Hall gab es, wie Friedrich Engels später schrieb, nur einen, der sich klar war über das, was zu geschehen hatte und was zu gründen war, das war der Mann, der schon 1848 den Ruf in die Welt geschleudert: Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Karl Marx‘ Gedanken über den Charakter der neuen Organisation unterschieden sich wesentlich von denen anderer Anwesender. Die Führer der Londoner Arbeiter zum Beispiel erstrebten eine internationale Vereinigung … zur Regelung der Löhne, Verkürzung des Arbeitstages und Koordinierung der Streitkämpfe. Die Pariser Delegierten träumten von der Möglichkeit, über eine solche Vereinigung die ‚Harmonie‘ der Klassen herzustellen … und die Kooperation zu fördern.

Für Marx bot sich die Möglichkeit, seinen sehnlichsten Wunsch zu verwirklichen: eine internationale proletarische Vereinigung zu gründen, die, wie Marx schrieb, den internationalen Charakter der sozialistischer. Bewegung sowohl den Arbeitern selbst wie den Bourgeois und den Regierungen sozusagen leiblich vorführen sollte – dem Proletariat zur Ermutigung, seinen Freunden zum Schrecken.“ /14/

Im auswertenden Unterrichtsgespräch erfolgten die Teilzusammenfassung und die Eintragungen ins Tafelbild (1).

Welchen Fragen müssen wir entsprechend unserer Gesamtaufgabenstellung nunmehr nachgehen? Die Schüler nannten Fragen, von denen zwei aufgegriffen wurden:

1. Warum erfolgte die Gründung zu diesem Zeitpunkt?
2. Welche Aufgaben stellte sich die 1. Internationale?

Zur ersten Frage wurde wiederholend auf die einführenden Informationen des Lehrers zurückgegriffen. Der Lehrer ergänzte, dass 1861 der Bürgerkrieg in den USA ausgebrochen war. 1863 war es zur großen Erhebung des polnischen Volkes gegen die zaristische Fremdherrschaft gekommen. Alle diese Kämpfe gegen die finstersten Kräfte der Reaktion hatten die leidenschaftliche Unterstützung des internationalen Proletariats gefunden. Auch das Londoner Meeting vom 28. September 1864 war ein Ergebnis dieser internationalen proletarischen Solidarität. Die entscheidende Frage war nun, welche Kampfaufgaben sich die neu gegründete I. Internationale stellte.

Lehrervortrag:

Mit der Gründung dieser internationalen Vereinigung galt es, ein Programm zu schaffen, in dem die wichtigsten revolutionären Ziele und Schritte formuliert waren. Darum war es wichtig, dass dieses Programm aus der Feder von Marx stammte. Er war bereits am Gründungstag in das leitende Komitee später Generalrat genannt – gewählt worden. Aber erst nachträglich erfuhr er, dass er auch dem Ständigen Komitee für die Abfassung des Statuts und des Programms angehörte. Dieses Komitee hatte bereits einen Statutenentwurf beraten.

Marx stand vor einer schwierigen Aufgabe. Er schrieb an Engels, ich ‚‚war wahrhaft erschrocken, als ich ein schauderhaft phraseologisches, schlechtgeschriebenes und ganz und gar unreifes Préamble … verlesen hörte.“ /15/ Marx erhielt den Auftrag, die Materialien umzuarbeiten. Er formulierte die Statuten völlig neu. Außerdem verfasste Marx ein zunächst nicht vorgesehenes Dokument – die Inauguraladresse der Internationalen Arbeiterassoziation.

Er formulierte darin die Ziele und Wege des Befreiungskampfes des Proletariats. Diese schwierige Aufgabe löste Marx meisterhaft.

Welche Ziele waren das? Welche Ratschläge gab er den Arbeitern für ihren Kampf?

    • Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur durch die Arbeiterklasse selbst erfolgen.
    • Kampfziel des Proletariats: Aufhebung jeglicher Ausbeutung und Unterdrückung.
    • Ursache der Ausbeutung der Arbeiterklasse durch die Kapitalisten ist das Privateigentum an Produktionsmitteln.
    • Mittel der Befreiung ist der politische Kampf gegen die herrschenden Klassen.
    • Die Voraussetzung dafür ist die Gründung revolutionärer Arbeiterparteien in den einzelnen Ländern und der proletarische Internationalismus.

In der Inauguraladresse vermittelt Marx den Arbeitern die Schlussfolgerung: „Politische Macht zu erobern ist die große Pflicht der Arbeiterklasse.“ /16/ Ein Element des Erfolges – die Zahl – besitzen die Arbeiter. Marx fügte jedoch hinzu: „Aber Zahlen fallen nur in die Waagschale, wenn Kombination sie vereint und Kenntnis sie leitet.“ /17/ Die Inauguraladresse war vom Gedanken der internationalen Solidarität der Arbeiterklasse durchdrungen.

Im auswertenden Unterrichtsgespräch wurde das Tafelbild (2 und 3) ergänzt.

Zur Stunde: Der Kampf der Arbeiter gegen Ausbeutung und Unterdrückung

Zu dieser Stunde sollen nur einige knappe Orientierungen erfolgen.

Ich wies einführend darauf hin: Wir wissen aus den beiden letzten Stunden, wie es zur Gründung der I. Internationale kam und welche Rolle Karl Marx in diesem Prozess spielte.

Uns interessiert nun besonders die Frage, wie die I. Internationale ihrer historischen Aufgabe gerecht wurde, welche Wirkungen von ihr ausgingen. Marx hatte ‚‚Klassenorganisationen“ gefordert, die den gemeinsamen Klassenfeind bekämpfen sollten und die in der I. Internationale Unterstützung finden sollten.

Um dieser Aufgabenstellung gerecht zu werden, entwickelte sich der Generalrat unter dem Einfluss von Marx zu einem führenden Zentrum der internationalen Arbeiterbewegung. Dem Generalrat gehörten auch Mitglieder des Bundes der Kommunisten aus verschiedenen Ländern an.

Daran anschließend erfolgte die Fortführung der Arbeit an der Inauguraladresse.

Es wurde zunächst an die erarbeiteten Kenntnisse angeknüpft: Marx vermittelte den Arbeitern die Schlussfolgerung: Politische Macht zu erobern, ist die große Pflicht der Arbeiterklasse. Ein Element des Erfolges – die Zahl – besitzen die Arbeiter, schrieb er, fügte jedoch gleich hinzu: Aber Zahlen fallen nur in die Waagschale, wenn Kombination sie vereint und Kenntnis sie leitet.

Die Inauguraladresse war zutiefst vom Gedanken der internationalen Solidarität der Arbeiterklasse durchdrungen.

„Die vergangene Erfahrung hat gezeigt, wie Missachtung des Bandes der Brüderlichkeit, welches die Arbeiter der verschiedenen Länder verbindet und sie anfeuern sollte, in all ihren Kämpfen für Emanzipation fest beieinander zu stehen, stets gezüchtigt wird durch die gemeinsame Vereitlung ihrer zusammenhanglosen Versuche.

Marx rief die Arbeiter zum Kampf gegen die verbrecherische Außenpolitik der herrschenden Klassen auf, die mit Nationalvorurteilen ihr Spiel treibt und in piratischen Kriegen des Volkes Blut und Gut vergeudet. Gegenüber dieser Politik, betonte er, müsse die Arbeiterklasse in internationalen Fragen einen auf den Prinzipien des proletarischen Internationalismus beruhenden eigenen Klassenpunkt beziehen.

Als Schlusssatz der Inauguraladresse erklang mit neuer Kraft die von Marx und Engels sechzehn Jahre zuvor aufgestellte Losung: Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ /18/

Nach selbständiger Schülertätigkeit mit dem Lehrbuch (Seite 60, rechte Spalte, und Seite 65 sowie Auswertung der Karte Seite 64) und der vertiefenden Erörterung im Unterrichtsgespräch wurde zusammengefasst:

Woran ist die Wirkung der I. Internationale in diesen Jahren erkennbar?

    • Unterstützung der umfassenden Streikbewegung in Europa (materiell und moralisch; Entlarvung der Aktionen der Unternehmer; den Arbeitern aller Länder ihre Interesseneinheit bewusstmachen; Erziehung zur Klassensolidarität)
    • Organisierung der Unterstützung der Londoner Schriftsetzer für den Streik von 500 Leipziger Schriftsetzern im April 1865. Dabei wurde in der Internationale über die Rolle des Streiks ideologische Klarheit geschaffen. (Einige vertraten die Meinung, dass ein Streik um höhere Löhne nur schade, da jede Erhöhung des Arbeitslohnes eine Erhöhung der Preise nach sich ziehe.) Es wurde deutlich, welche große Bedeutung die ökonomischen Untersuchungen von Marx für die Festlegung einer richtigen Taktik im Klassenkampf hatten. (,‚Kapital“)
    • Unterstützung der Wahlrechtsreformkampagne 1865 in England und Gründung einer Reformliga (förderte Bildung einer selbständigen politischen Partei des Proletariats in England)
    • Sektionen der Internationale in vielen Ländern
    • Bemühungen, deutsche Arbeiter für die Internationale zu gewinnen (Gesetze verboten den deutschen Arbeitervereinen, sich ausländischen Organisationen anzuschließen)
    • Festlegung einer Taktik zur Festigung der Beziehungen zwischen dem deutschen Proletariat und der Internationale. Möglichkeit der individuellen Mitgliedschaft (Einzelpersonen konnten der Internationale beitreten, Gesetze wurden nicht verletzt)
    • Unterstützung des polnischen Befreiungskampfes
    • Unterstützung der Bewegung zur Herausbildung marxistischer Parteien (In einer der nächsten Stunden werdet ihr erfahren, in welchem Land das zuerst geschah.)

Die abschließende Arbeit in dieser Stunde galt einer politischen Aktualisierung:

    • Was heißt heute proletarischer Internationalismus?
    • Gibt es auch heute Länder, denen wir bei der Entwicklung von marxistischen Parteien und bei dir Lösung ihrer Aufgaben helfen?
    • Welche höhere Stufe erreicht heute die internationalistische Zusammenarbeit zwischen den sozialistischen Ländern?

Diese Fragen erwiesen sich als geeignet für eine Aktualisierung. Sie waren so breit angelegt, dass sie vielfältige aktuelle Kenntnisse der Schüler ansprachen und ihnen halfen, das Gemeinsame im internationalistischen Handeln heute und damals zu erfassen. Aber auch Neues, Weiterführendes im proletarischen Internationalismus wurde ihnen bewusst.

Natürlich brachten die Schüler zur ersten Frage keine fertige Definition des proletarischen Internationalismus. Das war ja auch gar nicht beabsichtigt. Aber sie führten viele aktuelle Beispiele internationaler Solidarität an, so zum Beispiel mit Chile, mit Vietnam, mit Nikaragua (1979!) unter anderem.

Die zweite Frage lenkte die Aufmerksamkeit der Schüler stärker auf unsere Beziehungen mit Nationalstaaten, die eine sozialistische Orientierung verfolgen. Angola, Moçambique und Äthiopien wurden genannt.

Hier konnte auch auf den Prozess der Herausbildung von marxistisch-leninistischen Parteien hingewiesen werden – eine Parallele, die besonders eng den Aufgaben der I. Internationale nahekommt.

Neue Qualitäten, die die Wirksamkeit des sozialistischen Internationalismus in der Zusammenarbeit der sozialistischen Länder kennzeichnen, wurden vor allem auf Beispiele der ökonomischen und militärischen Zusammenarbeit bezogen. In der lebendigen Aussprache wurde mir deutlich, dass die Schüler stabile Beziehungen zum proletarischen Internationalismus haben, zu denen die Geschichtsstunden über die I. Internationale offensichtlich einen aktivierenden Beitrag geleistet haben.

Tafelbild zur Stunde 8.3.5.

I. Internationale 1864 

Verschiedenartige Vorstellungen vom Kampf der Arbeiter:

(1) Englische Vertreter sehen in der internationalen Vereinigung ein Kampfmittel

  • zur gemeinsamen Durchsetzung höherer Löhne,
  • zur Verkürzung des Arbeitstages,
  • zur Koordinierung der Streikkräfte

 

(3) Karl-Marx sieht in dieser internationalen Vereinigung ein Kampfmittel,

  • um die Arbeiterklasse auf ihre Befreiung von jeglicher Ausbeutung und Unterdrückung vorzubereiten,
  • um ihre knechtende Unterordnung unter das Kapital zu beseitigen,
  • um sie zum politischen Kampf für ihre Befreiung zu führen,
  • um zu diesem Zweck proletarische Klassenorganisationen, Parteien, in allen fortgeschrittenen Ländern zu gründen,
  • um zugleich die gegenwärtige Lage der Arbeiter mit allen Mitteln zu erleichtern.
(2) Französische Vertreter erhoffen mit Hilfe der internationalen Vereinigung

  • staatliche Kredite zur Förderung von Produktionsgenossenschaften,
  • Herstellung von Klassenharmonie

Anmerkungen:

/1/ Scholze, H.: Die Gründung der I. Internationale – ein Höhepunkt der revolutionären Arbeiterbewegung. Geschichtsunterricht und Staatsbürgerkunde, Berlin 21 (1979) 10, S. 891 ff.

/2/  Lehrplan Geschichte Klasse 8. Berlin: Volk und Wissen 1976. S. 21.

/3/ Ebenda, S. 22.

4 Steinbrück, E.: Ergebnisse, Probleme und Entwicklungstendenzen des Geschichtsunterrichts. Geschichtsunterricht und Staatsbürgerkunde, Berlin 19 (1977) 5, S. 393.

/5/ Ebenda.

/6/ Scholze, H.: Die Gründung der I. Internationale – ein Höhepunkt der revolutionären Arbeiterbewegung. a. a. O., S. 892.

/7/ Steinbrück, E.: Ergebnisse, Probleme und Entwicklungstendenzen des Geschichtsunterrichts. a. a. O.‚ S. 394.

/9/ Vgl. Scholze, H.: Die Gründung der I. Internationale – ein Höhepunkt der revolutionären Arbeiterbewegung. a. a. O., S. 894 ff.

/10/ Vgl. Müller, H.: Geschichte des VEB Stahl- und Walzwerk Riesa 1843 bis 1945. Berlin: Verlag Tribüne 1961. S. 71 ff.

/11/ Lehrplan Geschichte Klasse 8. Berlin: Volk und Wissen 1976. S. 24.

/12/ Ebenda, S. 22 f.

/13/ Dokumente und Materialien: Karl Marx und die Gründung der I. Internationale. Berlin: Dietz Verlag 1964. S. VI.

/14/ Autorenkollektiv: Karl Marx. Biographie. Berlin: Dietz Verlag 1977. S. 538 ff.

/15/ Ebenda. S. 540.

/16/ Marx, K.: Inauguraladresse der Internationalen Arbeiterassoziation. In: Dokumente und Materialien: Karl Marx und die Gründung der I. Internationale. a. a. O., S. 52.

/17/ Ebenda.

/18/ Vgl. Autorenkollektiv: Karl Marx. Biographie. a. a. O., S. 543.