Kap Verde: Aus der Geschichte eines scheinbar vergessenen Landes

Anlässlich der Arbeit an einem Vortrag über die Kapverdischen Inseln und ihre Geschichte rückte in der Diskussion der Vorgang der Befreiung des Landes von kolonialer Abhängigkeit durch den Freiheitskämpfer Amílcar Cabral in den Fokus meiner Überlegungen. Bis heute haben es das Land und seine Bevölkerung geschafft, sich vom Status der ärmsten Länder der Welt zu einem Land laut UNO-Index mit „mittlerem Einkommen“ zu entwickeln. Die folgenden Passagen aus dem ersten Band meines Buches „Kreuz und quer durch Afrika. Unterwegs auf dem schwarzen Kontinent“ spiegeln diese Überlegungen wieder.

Rainer Grajek: Kreuz und quer durch Afrika. Band 1 – Unterwegs auf dem schwarzen Kontinent.  novum pro 2014. S.  17-137.

ISBN: 978-3990384312

 […] CABO VERDE war schon lange Ziel meiner Reisesehnsucht. Die Neugier auf die República de Cabo Verde hatte sich bereits in den Jahren meiner beruflichen Tätigkeit in Mosambik und Angola entfaltet. Es war vor allem die Beschäftigung mit dem Leben und revolutionären Wirken von Amílcar Cabral, der noch heute in Guinea-Bissau und Cabo Verde als Nationalheld verehrt wird. Auf den Inseln tragen in den Städten die Hauptstraßen seinen Namen. Er wurde am 12. September 1924 in Bafatá in Guinea-Bissau geboren und kam als Achtjähriger mit seinen Eltern nach Cabo Verde. Das war nicht ungewöhnlich, da beide Länder von den Portugiesen als eine Kolonie verwaltet wurden. Vom Vater politisch im Kampf gegen die Kolonialmacht Portugal geprägt und von den Lebensbedingungen geformt, wandte sich der studierte Agrar- und Forstwissenschaftler gegen das faschistische Salazar-Regime Portugals und dessen Versuche, mit mehr als dreißigtausend Soldaten der Kolonialarmee den Freiheitswillen der Bevölkerung zu unterdrücken. Auf den Inseln kamen in den Zeiten anhaltender Dürre zehntausende Menschen ums Leben. Cabral sammelte zunächst in Portugal, wo er studiert hatte, dann in Angola Kampferfahrungen und gründete 1956 in Bissau die Afrikanische Partei zur Unabhängigkeit von Guinea und Cabo Verde (PAIGC). In einem von China und der Sowjetunion unterstützten Guerillakrieg kämpfte er mit Revolutionären beider Länder gegen die Kolonialmacht.

In Verbindung mit meiner Lehrtätigkeit in Mosambik hatte ich dem im Januar 1983 in der kapverdischen Hauptstadt Praia stattfindenden Internationalen Symposium anlässlich des zehnten Todestages von Dr. Amílcar Cabral besonderes Augenmerk geschenkt. Mich interessierte vor allem, wie es ihm gelungen war, in Kolonien, die bisher weit abseits jeglichen Interesses der Weltöffentlichkeit gelegen hatten, die Bewohner zum antikolonialen Kampf zu bewegen.

Natürlich kamen ihm die Rivalitäten im West-Ost-Konflikt förderlich entgegen. Seine Besuche in Moskau und Berlin unterstützten diesen Gedanken. Vor allem war beeindruckend, wie er als Teilnehmer einer Volkszählung 1953 wertvolle Kenntnisse über die etwa dreißig ethnischen Gruppen Guinea-Bissaus und deren soziale Lage erworben hatte.

Eine andere Auffälligkeit war, dass er die PAIGC im Gegensatz zu anderen Befreiungsorganisationen Afrikas sofort als Partei gegründet hatte.

Er entwickelte sich zu einer Persönlichkeit mit großer Ausstrahlung, die sich auf internationalen Konferenzen in Englisch, Französisch und Spanisch ausdrückte. In seiner Heimat, bei den Befreiungskämpfern im Busch und in den Inselstädten redete er mit den Menschen Portugiesisch und Kreolisch.

Als 1974 mit der Nelkenrevolution die Diktatur in Portugal endete, war der Weg für die Unabhängigkeit von Cabo Verde frei, die am 5. Juli 1975 ausgerufen wurde. Diesen von ihm sehnsüchtig erwarteten Tag erlebte er nicht mehr.

Am 20. Januar 1973 war Amílcar Cabral in Conakry Opfer eines Mordanschlags geworden.

Ich versuchte, mir die Zeit und mich selbst vor 24 Jahren in die Erinnerung zurückzurufen. Aber das Bild Cabrals beschränkte sich auf Fotos aus der Presse. Sie zeigten ein intelligentes Gesicht mit einer nach hinten geschobenen, bunt bestickten Kappe auf dem Kopf, einen mittelgroßen Mann von schlanker Figur und natürlichen Bewegungen. Jedoch blieb das Bild bruchstückhaft.

Mein spezielles Interesse für ihn begann also zu einer Zeit, als er schon tot war. Aber dieser zehnte Todestag wurde international wahrgenommen. Meine Notizen von 1983 vermerken, dass sich in Leipzig in- und ausländische Studenten sowie Wissenschaftler von Hochschulen und Universitäten der DDR zu einem Gedenksymposium für Amílcar Cabral versammelten. Ein in Jena immatrikulierter Philosophiestudent namens Luís Filipe da Silva aus Guinea-Bissau sprach würdigende Worte.

Das Vorhaben der PAIGC, die staatliche Einheit von Guinea-Bissau und Cabo Verde herzustellen, zerschlug sich mit der Spaltung der Partei. Ihr Inselflügel spaltete sich ab und bestand als Afrikanische Partei für die Unabhängigkeit von Cabo Verde (PAICV) weiter. Diese blieb bis 1991 an der Macht. 1992 wurden in der Verfassung die Grundsätze einer Mehrparteiendemokratie verankert.

In die internationalen Schlagzeilen kam Cabo Verde in den letzten Jahrzehnten selten. Es musste schon ein Ereignis wie der Ausbruch des Vulkans Pico auf der Insel Fogo im April 1995 sein, der 1300 Menschen obdachlos werden ließ, um von der Weltöffentlichkeit zumindest vorübergehend wahrgenommen zu werden.

Ich war unter den wenigen, die ihr Interesse für die Inseln behielten. Für Cabo Verde, das Grüne Kap.

Es ist eines der letzten Naturparadiese unserer Erde, das vergessen im kapverdischen Becken des Atlantiks liegt. Vor über einhundert Millionen Jahren hoben gewaltige Kräfte die ersten dieser Inseln aus sechstausend Meter tiefem Grund über die Wasseroberfläche, vor achtzehn Millionen Jahren die letzten. Gigantische Lavaströme flossen glühend ins Meer und formten abkühlend bizarre Landschaften von einem Aussehen, als seien sie nicht von dieser Welt. Aber die Vorgänge waren unvollkommen für späteres menschliches Leben auf den Eilanden. Es fehlt bis heute an ausreichend trinkbarem Wasser und fruchtbarer Erde für seine Bewohner. Im Verlauf der Jahrmillionen wurden die Inseln abgetragen und regengefüllte Wolken zogen ungehindert dort darüber hinweg, wo einst noch höhere Berge ihren Tribut in Form von Nebel und Regen einforderten. Die unbeschreibliche Schönheit der Inseln kann den Mangel an Bodenschätzen und Wasser nicht wettmachen. Vielleicht blieben ihnen deshalb über die Jahrhunderte die Menschen fern. Noch heute sind von den fünfzehn Inseln nur neun bewohnt. Nun liegt es an ihren Bewohnern, den Mangel an Nahrungsgütern durch die Hebung der Reichtümer und des Überflusses im Meer auszugleichen.

[…]

Die Inseln belebendes Touristeninteresse wurde erst mit dem Ausbruch des Pico de Fogo ausgelöst. Das einzige, wegen seiner üppigen Vegetation als „Blumeninsel“ bezeichnete Kleinod, die Insel Brava, hat keinen Flugplatz und wird darum nur selten von Fremden besucht. Einige wenige kommen mit unsicheren, langsamen Fähren, denen man die Fähigkeit zur Rückfahrt nicht mehr zutraut und bei deren Anblick deutsche TÜV-Sachverständige nach wenigen Minuten der Inspektion Herzattacken erleiden würden.

Manchmal regnet es auf den Inseln jahrelang nicht.

Die Menschen widersetzen sich den anhaltenden Dürreperioden durch den Import notwendiger Nahrungsmittel. Dennoch ist eine ökonomische Aufwärtsentwicklung zu beobachten, obwohl bisher fließende internationale Entwicklungshilfen eingestellt wurden.

„Die UNO hat Cabo Verde von der Liste der ärmsten Länder dieser Welt gestrichen“. Diesen Satz hörten wir auf unseren Reisen durch die Inseln öfter. Zu unserem Erstaunen wurde er nicht mit Bitterkeit, sondern mit Stolz vorgetragen, so, als sei man für etwas positiv Erreichtes belohnt worden. Und tatsächlich begegneten uns zwar riesige soziale Unterschiede, aber den vor Hunger kranken und sterbenden Bürger sahen wir in diesem afrikanischen Land nicht.

Allerdings ist das mit der „Streichung“ aus einer Armenliste so eine Sache. Im Jahre 2004 hatte die UNO eine Rangliste (UNDP) von fünfundneunzig Entwicklungsländern herausgegeben. Sie wurde von Barbados angeführt. Den fünfundneunzigsten und damit letzten Platz belegte Burkina Faso, also ein afrikanisches Land. In dieser Reihe kam Cabo Verde auf Rang vierzig. Der Human Development Report 2006 listete 102 Entwicklungsländer auf. Den ersten Platz nahm Uruguay ein, während der afrikanische Staat Mali den letzten belegte. Cabo Verde lag mit Rang dreiundvierzig in etwa auf dem gleichen Niveau wie zwei Jahre vorher. Interessant war, wie dabei die anderen ehemaligen portugiesischen Kolonien in Afrika platziert waren: Angola auf Platz 79, Guinea-Bissau auf dem 92. und Mosambik auf dem 94. Rang. So gesehen schnitt Cabo Verde etwas besser ab, gewissermaßen als ein weniger armes Land unter extrem armen Ländern.

Die Verbesserung beruhte vor allem auf den Überweisungen der Auslandskapverdier an ihre Familien auf den Inseln. Es wird angenommen, dass die Anzahl der im Ausland lebenden die der gegenwärtig auf etwa vierhundertzwanzigtausend Personen geschätzten Inselbewohner weit übersteigt. Zwei Drittel der kapverdischen Familien erhalten Zuwendungen von ihren Angehörigen draußen in der Welt.

Dazu kommt – der Exkurs sei gestattet – dass sich die Regierung mit ihrem Chef José Maria Neves, der 2004 sein Amt antrat und 2006 darin bestätigt wurde, die Armutsbekämpfung und eine effizientere Wirtschaft als Ziele gestellt hat. Angesichts des trockenen Sahelklimas und des rapiden Rückgangs des Trockenfeldbaus infolge des seit 1968 meist ausfallenden Regens sowie der einfachen handwerklichen Technologie des Fischfangs ist ihre Erfüllung von vielen Unwägbarkeiten abhängig. Auf den reichen Fischfanggründen tummeln sich ausländische Flotten. Nahrung muss, wie bereits angedeutet, zu neunzig Prozent eingeführt werden. Ohne Wasserzuführung wächst auf den halbwüstenähnlichen, trockenen Grasfluren nichts. Aus Salzsümpfen und Mangrovenhainen ist kein Reichtum zu gewinnen. Nur wenige Palmenarten wie beispielsweise die Kanarische Dattelpalme haben sich mit wenigen Exemplaren der Trockenheit angepasst.

Allerdings verfügen die Inseln über ein Pfund, mit dem sie perspektivisch wuchern können: Dreiviertel der Bevölkerung sind jünger als fünfzehn Jahre. Andererseits begegnet man nur selten Sechzig- bis Siebzigjährigen, denn die Jahrgänge 1940 bis 1960 sind massenhaft ausgewandert, um Glück und Wohlstand woanders zu suchen.

Für eine gewisse Kontinuität und Stabilität spricht die politische Entwicklung. Präsident Pedro Pires hat sein Amt seit 2001 inne und erhielt 2006 zum zweiten Mal das Vertrauen der Wähler. Aber seit den Verfassungsänderungen 1993 wurde ihm – ähnlich wie in Deutschland – nur eine repräsentative Rolle zugesprochen, während der Ministerpräsident mehr Macht erhielt. Im Parlament hat die regierende PAICV aktuell einundvierzig von zweiundsiebzig Sitzen inne.