Körner, Napoleon und die Goldene Kugel

Das Jahr 1813: Theodor Körner, Napoleon und die Goldene Kugel in Großenhain

Die Goldene Kugel am Großenhainer Hauptmarkt veranlasst gelegentlich Besucher und Einwohner der Stadt zu zweifelnden Fragen. Sie werden ausgelöst von einer Inschrift, die sich an dem schön restaurierten Haus befindet:

Theodor Körner
Freiheitsheld von 1813
geb. 23.9.1791     gef. 26.8.1813
Sein Vater gab aus der
Goldenen Kugel
den Tod seines Sohnes bekannt.

Theodor Körner und Großenhain- wie geht das zusammen? Warum verschweigt der Text das Datum der Bekanntgabe? Erfuhr die Welt tatsächlich von Großenhain aus, dass der bekannte Dichter und Held aus den Befreiungskriegen gegen Napoleon im Kampfe sein Leben ließ? Welche Rolle spielte die Goldene Kugel dabei?

Die Familie Körner wohnte in Dresden, in einem Weinberg in Loschwitz. Der Appellationsrat Christian Gottfried Körner (1756- 1831) war als Jurist und Verwaltungsbeamter ein wichtiger Mann. Man kannte seine schillernde Persönlichkeit in den deutschen Ländern, denn er war mit hervorragenden Vertretern des politischen und kulturellen Lebens befreundet. So verkehrte er unter anderem mit den Brüdern Humboldt, mit Novalis, mit Goethe, Schlegel, Zelter, Nicolai, Kleist, Arndt und Stein. Eine Freundschaft verband ihn mit Schiller. Sein Urteil als Kunstfreund und Literaturkritiker war geschätzt. 1814 gab er die Gedichtsammlung “Leier und Schwert“ heraus. Er war überzeugter Kantianer, erfolgreich als Verlagsgründer und Privatdozent.

Auch Theodors Mutter (geb. Stock) entstammte einem angesehenen Hause. Ihr Vater arbeitete als Kupferstecher in Leipzig und unterrichtete Goethe in der Kunst der Radierung.

Eigentlich wäre unter diesen Umständen Karl Theodor Körner ein sorgenfreies Leben beschieden gewesen, hätten es nicht die politischen Umstände anders gewollt. Er starb, noch ehe er das 22. Lebensjahr vollendet hatte für die Befreiung Deutschlands von fremdem Joch.

Zunächst sah Freiberg/ Sa. ihn an der dortigen Bergakademie. Dann studierte er an Leipzigs berühmter Universität. Das war für den Sohn aus gutem Hause eine Ehre, und die Lebensart in Klein- Paris verschaffte Vergnügen und Lebensgenuss. Später ging er nach Wien, traf Männer mit freiheitlicher, antinapoleonischer Gesinnung und erfuhr von Wilhelm von Humboldt, dem preußischen Gesandten ihn Wien, vom Freiheitskampf der Spanier gegen Napoleon. In der Wiener Gesellschaft machte er schnell Karriere. Nach den Aufführungen seiner Trauerspiele „Zriny“ und „Rosamunde“ avancierte er zum kaiserlichen Hofdichter mit dreitausend Gulden Gehalt.

Im März 1813 eilte er, der in seinen Liedern dem Patriotismus des deutschen Volkes besang, in die Heimat, um am Kampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft teilzunehmen. „Ja, liebster Vater, ich will Soldat werden, will das hier gewonnene glückliche und sorgenfreie Leben mit Freuden hinwerfen, um, sei’s auch mit meinem Blute, mir ein Vaterland zu erkämpfen.“

Sein Vaterland – es war in einem traurigen Zustand. Am 11. Dezember 1806 hatte Sachsens Kurfürst Friedrich August III. den Frieden zu Posen geschlossen. Er trat dem Rheinbund bei und wurde dafür am 20. Dezember 1806 von Napoleon als Friedrich August I. mit der Königswürde belohnt. Sachsen hatte zwanzigtausend Mann für das Rheinbundheer zu stellen. Am Russlandfeldzug Napoleons 1812 nahmen 21000 sächsische Soldaten teil, nur eintausend sahen die Heimat wieder. Der sächsische König stand auch 1813 an Napoleons Seite. Sachsen wurde Hauptkriegsschauplatz: Großgörschen, Bautzen und Dresden trugen dazu bei, dass etwa 400000 Sachsen in den Befreiungskriegen ihr Leben lassen mussten. In der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 kämpften sächsische Soldaten im 190000-Mann-Heer Napoleons, aber sächsische Patrioten standen auch in den Reihen der preußischen und der russischen Armee. Der sächsische König geriet am 19.10.1813 in die Gefangenschaft der Sieger, und erst durch Beschluss des Wiener Kongresses kehrte er im Juli 1815 aus Berlin nach Sachsen zurück.

Sachsens Ehre retteten Patrioten wie Theodor Körner.

Dieser kämpfte mit Billigung des Vaters gegen seinen Landesherren.

In Preußen kam es im Frühjahr 1813 zur Gründung einer Reihe von Freikorps, unter denen das des Majors Adolf Ludwig Wilhelm Freiherr von Lützow (1782- 1834) das bedeutendste war. Der Preußenkönig erteilte von Lützow die Erlaubnis, Mannschaften zu einem Freikorps aufzustellen. Er durfte „Freiwillige, vorzüglich von Ausländern, anwerben, kleiden und remontieren, (denen) von Seiten des Staates also nichts geliefert wird, als die Waffen für diejenigen, welche sich keine brauchbaren Büchsen und Kavallerieseitengewehre anschaffen können. Ich willige ein, daß das Korps… schwarze Montierung tragen kann.“

Theodor Körner wurde Leutnant und Adjutant des Majors von Lützow.

Er schrieb die berühmt gewordenen Verse über die „schwarzen Jäger“, über „Lützows wilde, verwegene Jagd“. Kein Geringerer als Carl Maria von Weber besorgte die Vertonung. Von einigen hundert wuchs das Korps bis auf über zweitausend Mann an. Im August 1813 verfügten die Freikorps über 9000 Kämpfer, 1350 Pferde und 8 Geschütze. Anfangs nur im gegnerischen Hinterland eingesetzt, machten sie mehr und mehr durch waghalsige Attacken auf sich aufmerksam. Der Aufruf „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los“ gab das Motto für die Volkerhebung gegen Napoleon.

Die Ereignisse überschlugen sich. Die Lützowsche Freischar war über den Waffenstillstand (4.6.1813 in Pläswitz) zu spät informiert worden und wurde im französischen Hinterland weitgehend aufgerieben. Nach seiner Neuformierung verlor es die bisherige Selbständigkeit weitgehend.

Am 26.8.1813 war die Waffenstillstandsvereinbarung bereits eine Woche abgelaufen. Die Kämpfe waren wieder aufgeflammt. Körner hatte in Karlsbad eine bei Leipzig erhaltene Verletzung auskuriert. In Gadebusch bei Schwerin stießen die Lützower und eine Trainkolonne der Franzosen aufeinander. Die schwarzen Jäger beklagten vier Tote, darunter Theodor Körner. Man brachte die Gefallenen nach Wöbbelin, wo sie aufgebahrt wurden. Der Maler Olivier – selbst Soldat der Lützower – zeichnete das Haupt Theodor Körners in der Ruhe des Todes. Am folgenden Tag wurde er bestattet. „Lützows wilde, verwegene Jagd“ schallte über das offene Grab. Eine Ehrensalve mußte wegen der Nähe des Feindes unterbleiben.

Die Nachricht vom Tode ihres Sohnes erreichte die Körners erst im November 1813.

Dresden war bis dahin noch von den Franzosen besetzt, die erst am 11. November 1813 kapitulierten. Die Dienststelle des Appellationsrates Ch. G. Körner  war nach Großenhain verlegt worden.

Großenhain war, wie viele Städte und Dörfer, von den militärischen Auseinandersetzungen gekennzeichnet. Es litt sowohl unter den durchziehenden Franzosen wie unter der Drangsal der verbündeten Preußen und Russen. Ein österreichisches Dokument aus dem „Hauptquartier des General- Feldmarschall von Hiller“ gibt Auskunft:

„Großenhain. Der hier stationirte preußische Rittmeister von Falkenhausen nahm vom 11ten bis heute (d. 14.Okt. 1813, R.G.) auf der Elbe 40 Kähne mit franz. Militair-Effecten weg, welche von Dresden nach Torgau bestimmt waren.“

Das beweist, dass Großenhains zentrale Lage im damaligen Sachsen von militärischer Wichtigkeit war, was aber den Rat der Stadt oft in Verlegenheit brachte. Egal, wer die durch- oder vorbeiziehenden Militärs waren, e i n Großenhainer war in ständiger Bedrängnis. Das war der Wirt der Goldenen Kugel, der die „Gäste“ unterzubringen und zu verpflegen hatte. Der Chronist Schuberth berichtet über ein Geschehnis vom 11. Mai 1813. Es „geschah ein unangenehmer Vorfall und Auflauf in der Stadt. Der Gastwirt zur Goldenen Kugel Schramm hatte einem russischen Officier eine Ohrfeige gegeben. Der Officier wollte ihn deshalb erstechen, allein er hatte sich geflüchtet und hielt sich … in der Wildenhainer Vorstadt versteckt. Die Russen suchten ihn überall und drohten mit Plünderung, führten … den regierenden Bgm. Geudtner … „ als Gefangenen ab. Ein „Fußfall von Frau Schramm“ soll schließlich zur gütlichen Regelung geführt haben.

Aber für Gastwirt Schramm bedeutete die wechselnde Einquartierung nicht nur Ungemach. Die Requirierungen, denen er ausgesetzt war, wurden ihm vom Rat ersetzt. So berichtet der Großenhainer Chronist u.a. von folgenden Zahlungen an Schramm:

  • „200 Thlr. … an Schramm für Verpflegung durchmarschierender Truppen“;
  • „9 Thlr. … für unterschiedliche Waaren, so dieser General bei Schramm`s requirirt hat“;
  • „16 Gr. zu einem Viertel Hafer für die Hühner und Gänse, welche der General bei Schramm`s mitgenommen hat“;
  • „105 Thlr. an Schramm für Verpflegung von 35 Officieren“;
  • „7 2/3 Thlr. für 46 Pfund Karpfen, die der russische General bei Schramm`s requirirt hat“;
  • „56 Thlr. an Schramm für Verpflegung des preußischen Commandanten von Holly nebst fünf Officieren“;
  • „ 505 Thlr. an Schramm für die Verpflegung des französischen Divisionsgenerals L`Heritier“;
  • „ 2 Thlr. zur Fütterung der Pferde des Generals Leretier (L`Heritier; R.G.) bei Schramm`s“;
  • „ 87 ½ Thlr. für siebentägige Verpflegung des französischen Brigadegenerals de la Motte“.

Zahlungen dieser Art erfolgten nicht nur an Schramm. Die Stadtkasse wurde in jenen Tagen arg strapaziert. „Insgesamt beliefen sich die Ausgaben auf 15738 ½ Thlr.“.

In der Goldenen Kugel in Großenhain schrieb Theodor Körners Vater am 9. November 1813 die Nachricht vom Tode seines Sohnes für die Öffentlichkeit. Sie erschien in der Leipziger Zeitung mit folgendem Wortlaut:

„Am 26. August dieses Jahres fiel unter den Kämpfern für Deutschlands Rettung mein Sohn Karl Theodor Körner, Lieutnant bei dem von Lützowschen Freikorps, in einem Gefechte zwischen Schwerin und Gadebusch, nachdem er in seiner kurzen Laufbahn – er hatte das 22. Jahr noch nicht vollendet – die Freude und der Stolz der Seinigen gewesen war. Einen solchen Verlust zu überleben, findet der Vater Kraft in der Religion und in dem herzerhebenden Gedanken an den nunmehrigen Sieg der guten Sache, für die so mancher Tapfere Blut und Leben geopfert hat.“

Als Beweis für die Richtigkeit der Information auf der Gedenktafel an der Goldenen Kugel gilt die Unterschrift unter jenem Leipziger Zeitungsartikel: „Großenhain u.s.w. Dr. Chr. G. Körner, K. Sächs. Appellationsrath“.

Die Grenzziehung von 1815 im verkleinerten Sachsen drängte Großenhain aus seiner zentralen Lage an die Peripherie des Landes.