Rezension: Wir besuchen ein Museum

Rezension zum Buch: „Wir besuchen ein Museum“. Handreichungen zur Bildung und Erziehung im Museum für Leiter von Gruppen. Hrsg. von K. Patzwall und W. Ehrlich. Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin 1976. In: Geschichtsunterricht und Staatsbürgerkunde. 2/78. Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin 1978. S. 181 – 183.

Diese Handreichungen zur Bildung und Erziehung im Museum sind ein Gemeinschaftswerk erfahrener Museologen und Pädagogen, die sich das Ziel gesetzt haben, den Leitern von Besuchergruppen Ratschläge und Anregungen für die Nutzung von Museen zu geben. Das Buch entspricht damit einem Bedürfnis vieler Geschichts- und Staatsbürgerkundelehrer, Kunsterzieher, Pionierleiter und Jugendstundenleiter. Es erhält seinen Wert vor allem dadurch, dass es auf die weitere Entfaltung der Wesensmerkmale der sozialistischen Persönlichkeit orientiert und sich damit in das sozialistische Bildungs- und Erziehungsziel in der DDR einordnet. Mit den Handreichungen besitzt der Pädagoge eine wichtige Hilfe, die es ihm ermöglicht, den Museumsbesuch für die Erreichung der Bildungs- und Erziehungsziele der jeweiligen Alters- oder Klassenstufe zu nutzen.

Der Teil „Grundlagen der Bildung und Erziehung im Museum“ befasst sich zunächst mit den Museen der DDR als Stätte der Bildung und Erziehung. Ausgehend von der Tatsache, dass jährlich etwa dreißig Millionen Besucher in den über sechshundert Museen der DDR registriert werden — ein Drittel der Besucher sind Kinder und Jugendliche —‚ wird auf die Besonderheiten der einzelnen Museumsgattungen hingewiesen und deren spezifischer Anteil an der Verwirklichung der Hauptziele unserer Bildungspolitik und damit der Persönlichkeitsentwicklung verdeutlicht.

Die DDR gehört bekanntlich zu den museumsreichsten Ländern der Welt, bezogen auf ihre Bevölkerungszahl und territoriale Größe. Daraus wird deutlich, welche gewaltigen Potenzen es auf diesem spezifischen Gebiet der Erziehung und Bildung gibt, die es mit großer Effektivität zu nutzen gilt.

Von sehr großem Wert (inhaltlich und in der Art der Darstellung) für den Pädagogen sind die Angaben zur Spezifik der einzelnen Museumsgattungen und zu Möglichkeiten ihrer Nutzung.

So wird die emotionale Wirkung der Besuche der Nationalen Mahn- und Gedenkstätten hervorgehoben und auf ihre Bedeutung für die Vertiefung wesentlicher Erkenntnisse aus dem Geschichts- und Staatsbürgerkundeunterricht verwiesen.

Weiterhin stellen die Verfasser heraus, dass – Gedenkstätten zur Geschichte der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung dem Besucher zeigen, wie sich die revolutionäre deutsche Arbeiterklasse in harten Klassenauseinandersetzungen bewährte, wie sie sich die Theorie des Marxismus-Leninismus aneignete:

  • Geschichtsmuseen die Geschichte der ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Entwicklung unseres Volkes oder anderer Völker wirkungsvoll demonstrieren und dadurch bedeutsam sind für die Entwicklung des Geschichtsbewusstseins, vor allem der Jugend;
  • technische, polytechnische Museen und mathematisch-naturwissenschaftliche Sammlungen Aussagen zur Entwicklung der Produktivkräfte machen und so zur Herausbildung eines marxistisch-leninistischen Geschichtsbildes beitragen können;
  •  naturhistorische Museen und Sammlungen ein anschauliches Bild von Entwicklungsprozessen in der Natur vermitteln;
  • Kunstmuseen und kunsthandwerkliche Sammlungen große Möglichkeiten der ästhetischen und ideologischen Bildung und Erziehung bieten und mithelfen, das Erbe der National- und Weltkultur zu erschließen;
  • Literatur-, Theater- und Musikmuseen Grundgedanken der marxistischen Ästhetik und Kunstauffassung propagieren;
  • Heimatmuseen mit heimatbezogenen Themen einen spezifischen Beitrag zur Festigung der dialektisch-materialistischen Weltanschauung leisten;
  • Spezialmuseen (z. B. das Armeemuseum in Dresden) originale Sachzeugen in großer Vielfalt zu speziellen Themen enthalten.

Danach beschreiben die Autoren in einem weiteren Abschnitt, wie die Nutzung der Museen für die Bildung und Erziehung erfolgen kann. Es wird nachgewiesen, dass das Auslösen von Erkenntnisinteressen als Besuchsmotivation das entscheidende Element darstellt und dass der Erkenntnisdrang auf wenige typische Objekte gelenkt werden muss, wenn der geplante Bildungs- und Erziehungseffekt auch tatsächlich eintreten soll. Gegenständlichkeit, Wissenschaftlichkeit und Fasslichkeit werden als notwendige Merkmale der Ausstellung gefordert.

Die Autoren heben außerdem mit Recht hervor: Der Besuch eines Museums will (muss) gelernt sein. Daraus resultiert die Forderung nach gründlicher Vorbereitung des Besuchers bzw. Schülers auf den Museumsbesuch unter Beachtung der Zielstellung, der Spezifik des Museums und seiner Gestaltungsprinzipien. Zusammenfassend werden alle allgemeinen Regeln für den Museumsbesuch formuliert, welche die Leiter von Besuchergruppen unbedingt schon bei der Planung des Besuches beachten sollten.

Zu den Vorzügen des folgenden Teils „Bildung und Erziehung im Museum“ gehört es, dass die Möglichkeiten der Nutzung der Museen und Ausstellungen bei Lehrveranstaltungen von Einrichtungen des einheitlichen sozialistischen Bildungssystems umfassend erörtert werden. Lehrer und Erzieher erhalten Hinweise auf die günstigste zeitliche Ausdehnung der Lehrveranstaltungen entsprechend der Altersspezifik, auf notwendige organisatorische und technische Vorbereitungen. Detailliert wird beschrieben, wie z. B. Vorschulkindern im Museum erste weltanschauliche Ansichten vermittelt werden und wie das seinen Niederschlag in den Zielen des Bildungs- und Erziehungsplanes findet.

In ihren Ratschlägen für die Mittel- und Oberstufe greifen die Autoren auf Erfahrungen zurück, die in den Fächern Deutsche Sprache und Literatur, Kunsterziehung und Geschichte gesammelt wurden und die auf andere Fächer übertragbar sind. Beachtet werden sollte dabei die Forderung, dass sich die Schüler selbständig mit den Objekten auseinandersetzen, dass Schüleraufträge formuliert werden, die das Lehrer-Schüler- Verhältnis positiv beeinflussen und der Entwicklung kollektiver Beziehungen in der Klasse dienen, Möglichkeiten der Gestaltung des Fachunterrichts im Museum werden dargestellt, und auf pädagogische Reserven zur Intensivierung des Unterrichts, vor allem in Heimatmuseen, wird verwiesen. Hier liegen in der Praxis noch große Potenzen, die sich dem Leser erschließen durch eindrucksvolle Unterrichtsbeispiele (z.B. Geschichte: Stundenbericht Klasse 7).

Wertvoll sind die Hinweise auf die Verwendung von Schüleraufträgen, die im Fachunterricht im Museum eingesetzt werden. Sie sind in der Art gestaltet, wie sie das Museum für Deutsche Geschichte Berlin seit Jahren erfolgreich nutzt und in den Spezialkursen der Lehrer propagiert. Die Darlegungen sind jedoch fast ausschließlich auf die Organisation des pädagogischen Prozesses in der Ausstellung zugeschnitten. Der Geschichts- und Staatsbürgerkundelehrer erfährt zu wenig über den Einsatz von Schüleraufträgen, mit denen einzelne Schüler oder Schülergruppen im Auftrag des Fachlehrers selbständig im Museum arbeiten könnten und die unter dem Aspekt einer erkenntnisprozessgerechten Unterrichtsgestaltung in der Schule genutzt werden.

Die Einheit von Unterricht und außerunterrichtlicher Tätigkeit der Schüler als zwei Seiten im sozialistischen Bildungs- und Erziehungsprozess wird im Abschnitt „Die Zusammenarbeit der Museen mit der Schule und der FDJ und ihrer Pionierorganisation ‚Ernst Thälmann‘ bei der Gestaltung der außerunterrichtlichen Tätigkeit“ dargestellt. Die Autoren weisen nach, dass die

  • Museen die Erfüllung der Pionieraufträge wirksam unterstützen können (bewährte Formen und Methoden werden genannt);
  • Museen helfen, die Aufträge der FDJ-Grundorganisationen und FDJ-Organisationen der Oberschulen zu realisieren;
  • FDJ-Klubs in Museen eine erziehungswirksame Form der Freizeitgestaltung verkörpern.

Die Ausführungen zu den Arbeitsgemeinschaften nach Rahmenprogramm für die neunten und zehnten Klassen sind recht kurz und erfüllen nicht alle Erwartungen. Sie sollten auf Grund vorliegender Erfahrungen weiter präzisiert werden, vor allem, weil hier viele Lehrer eine wirksame Hilfe erwarten.

Eine Fülle wesentlicher Anregungen – wiederum sehr praktikabel – wird zur Einrichtung und Nutzung von Schulmuseen und Traditionszimmern gegeben. Hier werden auch sowjetische Erfahrungen vorbildlich verallgemeinert.

Die allgemeine kulturelle Tätigkeit der Museen in ihren Territorien ist Gegenstand der Betrachtung im dritten Teil. Im Mittelpunkt stehen Aktivitäten der Museen, die zeigen, mit welcher Vielfalt Öffentlichkeitsarbeit betrieben werden kann. Gute Erfahrungen einzelner Museen werden vorgestellt.

Außerordentlich informativ und übersichtlich ist der umfangreiche Anhang. So enthält das Literaturverzeichnis alle wesentlichen Publikationen der letzten Jahre, wobei Literaturempfehlungen für die Gruppenleiter gesondert ausgewiesen sind. Daran anschließend, erhält der Leser einen Überblick über bekannte Museen und Gedenkstätten der DDR, geordnet nach Bezirken und mit genauer Anschrift.

Mit der Übersicht über Museen der sozialistischen Nachbarländer in grenznahen Gebieten wurde einem Bedürfnis vieler Touristen entsprochen.

Man kann sich der Position der Verfasser nur anschließen, wenn sie angesichts der lebhaften Entwicklung auf dem Gebiet des Museumswesens die Notwendigkeit betonen, „dass das Buch lediglich einen bestimmten Stand der Erfahrungen und Forschungsergebnisse der Autoren, Berater und Gutachter widerspiegelt. Nichts wird ihnen daher willkommener sein, als mit dem Buch zu erreichen, dass eine Aussagen anhand der sich ständig verändernden Praxis überprüft werden und dass sich die Leser zu Wort melden, die von Neuem und Besserem zu berichten wissen“ (S. 12).