Schulmauern erzählen

Withulz, Astrid: „Summa cum laude – Schulmauern erzählen. Entwicklung der Bürgerschule zum Werner-von-Siemens-Gymnasium Großenhain“. Activ Verlag 2007. S. 51 – 54.

Die Entwicklung des Schulsystems von 1890 bis zur Gegenwart

Zeitzeugen berichten

Rainer Grajek (* 1937) kam 1992 als Lehrer für Geschichte an das neu gegründete Gymnasium Großenhain. Zuvor arbeitete er in pädagogischer Mission in Afrika. Nach der politischen Wende war er als Schulrat tätig. Inzwischen ist Rainer Grajek im Ruhestand und lebt in Riesa.

Kein Herz für die Naturwissenschaften

Ich lernte zunächst den Beruf eines Schlossers und besuchte in Freiberg/Sa. eine Arbeiter- und Bauernfakultät. Danach bot man mir ein Pädagogikstudium an. Gefragt waren zu dieser Zeit naturwissenschaftliche Fächer wie Mathematik und Physik. Das entsprach allerdings nicht meinen Interessen. Nach meinem Studium und einigen Jahren erfolgreicher Lehrertätigkeit war ich in der Lehrerfortbildung tätig. Ich organisierte Weiterbildungen und hielt selbst Fachvorträge. Ab 1981 arbeitete ich für einige Jahre in Mosambik und Angola – wiederum in pädagogischer Mission – als Berater im Maputoer Erziehungsministerium und als Hochschullehrer für Geschichte in Angola. 1992 erlebte ich die Gründung der sächsischen Gymnasien in der Funktion eines Schulrates.

Aus persönlichen Gründen entschied ich mich für die Rückkehr in den Schuldienst, der für mich 1992 mit der Entrümpelung des Dachbodens im Hauptgebäude des Großenhainer Gymnasiums begann. Der ganze Boden war mit alten, unbrauchbaren Möbeln zugestellt, die wir kurzerhand durch die Fenster auf den Hof warfen.

Wagenladungen alter Schulbücher

Vielleicht hätte man dies auch gleich mit den Wagenladungen alter Schulbücher machen sollen, die aus dem Westen der Bundesrepublik bei uns abgeliefert wurden, sicher in der Annahme, wir hätten kein Lehrmaterial zur Verfügung. Die Auswahl passender Lehrbücher gestaltete sich recht schwierig. Westdeutsche Verlage stellten sich in den Schulen vor und priesen ihre Ware an. Diese plötzliche Freiheit, sich für oder gegen ein pädagogisches Hilfsmittel entscheiden zu können, sorgte an vielen Schulen für Verwirrung. Meist entschied der Schulleiter in Absprache mit dem Fachgruppenleiter darüber, welche Bücher gekauft werden sollten. So manche „vollständig überarbeitete Neuauflage“ entpuppte sich bei genauerem Hinsehen als alter Ladenhüter.

Aufarbeitung der DDR-Zeit mit wenig Sachverstand

Die DDR-Geschichte blieb Anfang der Neunziger in der Schulliteratur ohnehin unberücksichtigt, da man sich an die Aufarbeitung noch nicht heranwagte, denn das Erlebte war allen noch gut in Erinnerung. Nach und nach beschäftigten sich zumeist westdeutsche Autoren mit der DDR-Geschichte, was zu meiner persönlichen Verärgerung jedoch meist mit wenig Sachverstand geschah und von herablassenden Äußerungen begleitet war.

Elternhaus ist Privatsache

Eine auffällige Änderung der Lehrer-Schüler-Beziehung vollzog sich fast zeitgleich mit dem politischen Umbruch. Früher bestand zumeist ein enger Kontakt zwischen Elternhaus und Schule, was bedeutete, dass den Lehrer auch die häusliche Situation des Schülers interessierte. Das äußerte sich in regelmäßigen Elternbesuchen und Elternabenden. Seit Beginn meiner Tätigkeit am Gymnasium fanden Besuche im privaten Umfeld des Schülers nicht mehr statt. Auch die Elternabende reduzierten sich auf ein Minimum. Ich verzichtete in höheren Klassen bei bereits erwachsenen Schülern zunehmend darauf. Es erschien mir wichtiger, den „heißen Draht“ zu den Schülern aufrecht zu erhalten und mit ihnen das Gespräch zu suchen.

In Klassen oder Kursen denen man nicht als Klassenlehrer oder Tutor vorstand, war auch der Kontakt zu den Schülern loser geworden. Man unterrichtete eher wie durch eine dicke Glasscheibe und beschränkte sich auf Wissensvermittlung. Auch das Miteinander unter den Lehrern hatte – von Ausnahmen abgesehen – vorrangig dienstlichen Charakter.

Bevor ich mit den oberen Klassen in die umgebaute Außenstelle am Remonteplatz zog, unterrichtete ich auch in dem Gebäude der ehemaligen EOS am Schacht. Dort erlebte ich ein relativ entspanntes Arbeiten, das im Hauptgebäude nicht möglich war. In dem alten Gemäuer waren die Einrichtung unmodern und die Unterrichtsmittel häufig in Unordnung. Mancher Lehrer ließ seine Wandkarten von den Schülern aufräumen, was dazu führte, dass im Kartenzimmer und in den Schränken Chaos herrschte.

Die Namensfindung – keine Chance für Großenhainer

Im Zuge der Namensfindung für das Großenhainer Gymnasium leitete ich übergangsweise eine Projektgruppe, die Vorschläge für eine Neubenennung der Schule sammelte. 1997 wurde die Namensfindung unter Regie von Wolfgang Maaß wieder aufgegriffen. Chladenius, Schubert und Adam Friedrich Zürner – meine persönlichen Vorschläge und Favoriten – machten allerdings nicht das Rennen. Das Gymnasium sollte eine Siemens-Schule werden, so stimmten die Schüler und Lehrer ab.

Schule muss selbst „das Leben“ sein

In beiden Fächern, Geschichte und Gesellschaftskunde, machte ich immer wieder die Erfahrung, dass anschaulich vermitteltes Wissen den Schülern stärker im Gedächtnis blieb. Ein Beispiel dafür war eine Projektwoche, in welcher ein Geschichtsleistungskurs Rezepte der Nachkriegszeit ausprobierte.

Auch im Fach Gemeinschaftskunde konnten zwei 12. Klassen Praxiserfahrungen sammeln. Sie nahmen am Bundeswettbewerb „Stell‘ Dir vor, Du bist der Boss“ teil. Initiator war das Bundesministerium für Arbeit. Der Wettbewerb ging von der Sozialen Marktwirtschaft als Erfolgsmodell aus, forderte die Erarbeitung und Darlegung eines Projektes von der Geschäftsidee bis zur Geschäftsplanung. Alle 38 Schüler erhielten das höchste Prädikat „mit Auszeichnung teilgenommen“. 10 Schüler ergatterten außerdem je einen der Preise: vierwöchige Praktikumsplätze in exportorientierten deutschen Unternehmen. Angesichts dieses Abschneidens konnte keine andere Schule Deutschlands das Großenhainer Ergebnis übertroffen haben.

Die Verbindung von Unterricht und Wettbewerb war sinnvoll und pädagogisch zweckmäßig, denn der traditionelle Unterricht im Erwerb von Wissen und Können hat seine Grenzen. Durch die Teilnahme am Wettbewerb war die Gewinnung gesellschaftlicher Erfahrungen möglich. Ich freue mich stets, wenn das gelingt, denn dann bereitet die Schule nicht mehr nur auf das Leben vor, sondern wird selbst das „Leben“.

Ein Geschichtskurs wird zum Kochkurs

In einer Projektwoche wälzten der Leistungskurs Geschichte und sein Tutor Rainer Grajek Kochbücher aus der Nachkriegszeit. Die Schüler wollen Rezepte nachkochen, aus denen damals kreative Hausfrauen mit bescheidenen Zutaten schmackhafte Gerichte zauberten. Rainer Grajek berichtet dazu:

„Am Ende des Krieges war der Hunger allgegenwärtig. Zu den seelischen Leiden kamen die körperlichen Verwundungen und Hunger. Trotzdem sagten alle: Lieber ein Leben lang trockenes Brot, als noch einmal Krieg. Nahrungsmittel waren rar und schwer zu beschaffen. Lebensmittelkarten sorgten für rationierte Zuteilungen, die im 10-Tages-Rhythmus wechselten. Man konnte also am 9. eines Monats noch nicht einkaufen, was erst am 11. vorgesehen war. Im Herbst gingen die Leute auf die Felder, um Ähren zu lesen oder Kartoffeln zu stoppeln. Aus Zuckerrübenschnitzeln presste und kochte man schwarzen, süßen Sirup.

Aus dem Wenigen, das vorhanden war, machten findige Hausfrauen möglichst schmackhafte Speisen und gaben ihnen Phantasienamen, die die gewünschte Geschmacksrichtung vorgaben. Aus einer handtellergroßen flachgeformten Masse aus gekochten Kartoffeln, fettlos von beiden Seiten angebraten, wurden „Bratheringe“, wenn man sie in eine saure Flüssigkeit mit Zwiebelringen legte.

Der Leistungskurs Geschichte fertigte 34 dieser damals gegessenen Gerichte nach Originalrezepten. Die Schüler befragten dazu ihre Großeltern. Auch meine Mutter und meine Schwiegermutter steuerten Rezepte bei. An einige konnte ich mich selbst erinnern.

Auch in unserer Zeit gestaltete sich die Beschaffung der Zutaten schwieriger als erwartet. Am Ende des Krieges konnten Rüben- und Rapsblätter noch bedenkenlos – weil ungespritzt – verarbeitet und gegessen werden. Heute sind Beziehungen zu einem Bauern nötig, um an die Bio-Pflanzen heranzukommen.

Der Gang im Erdgeschoss der Außenstelle wimmelte von neugierigen Schülern und Lehrern, als die Verkostung begann. Und zur allgemeinen Überraschung schmeckte alles (oder fast alles) gut. Die Köche hatten einen realitätsnahen Einblick in die Nachkriegszeit gewonnen und die Probleme jener Zeit besser und anhaltender erkannt, als ein Lehrbuchtext dies vermitteln konnte.“

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