„Stell‘ dir vor, Du bist der Boss“. Gymnasium als Existenzgründer-Schule

Als der Schulleiter des Gymnasiums Klaus Liebtrau am Freitag [30. April 1999] die zwölften Klassen zur Abitur-Belehrung in die Aula der Außenstelle geladen hatte, wunderten sich schon alle über die Anwesenheit der örtlichen Presse. Denn bevor es ernst wurde, hatte der Schulleiter noch eine Überraschung. Er konnte 38 Gymnasiasten beglückwünschen – alle, die an dem Bundeswettbewerb „Stell‘ Dir vor, Du bist der Boß“ teilgenommen haben.

Das Bemühen um methodische Vielfalt im Unterricht ist nur dann sinnvoll und zweckmäßig, wenn es auf effektive Weise zur Erreichung der von den Lehrplänen vorgegebenen Wissens- und Könnensziele dient und in den Dienst der im Schulgesetz und in der Verfassung Sachsens zur Forderung erhobenen Ziele der Persönlichkeitsentwicklung der Schüler genutzt werden kann.

Solche Überlegungen standen im Vordergrund bei der Planung eines Stoffkomplexes im Fach Gemeinschaftskunde der Kurse G2 und 4 der 12. Klassen des Gymnasiums Großenhain.

Darin erwerben die Schüler Wissen zur Wirtschaft und Wirtschaftsordnung der BRD, zum Wirken der Sozialen Marktwirtschaft in der Praxis, sie lernen deren Steuerungs- und Einflussgrößen kennen, üben sich in der Auswertung von Statistiken zur Entwicklung der Volkswirtschaft, werten Wirtschaftsteile von Zeitungen aus, erkennen im Wettbewerb ein Grundprinzip der Sozialen Marktwirtschaft, überprüfen die Erreichbarkeit unternehmerischer Ziele und sind in der Lage, das Unternehmerrisiko zu beurteilen.

Der moderne Unterricht löst durch Gruppenarbeit (als äußere Form) Erkenntnisinteresse aus, fördert die Lernmotivation, die geistige Kreativität und den Teamgeist der Jugendlichen. Inhaltlich setzt der Lehrer als „Steuermann“ die Rahmenbedingungen für die geistige Aktivität der Schüler z.B. durch Bekanntmachen mit aktuellen Eigentumsformen in der klein- und mittelständischen Wirtschaft, beschafft aktuelle Arbeitsmaterialien, hilft bei der Suche nach Lösungswegen. Die Schüler eignen sich zunehmend selbständig Wissen und Können an.

Zum Zeitpunkt der Behandlung des genannten Stoffes veröffentlichte das Bundesministerium für Arbeit einen Wettbewerbsaufruf mit dem Slogan „Stell’ Dir vor, Du bist der Boß…“, der von der Sozialen Marktwirtschaft als Erfolgsmodell ausgeht und junge Menschen zur Existenzgründung aufruft. Gefordert war die Erarbeitung und Darlegung eines Projektes „von der Geschäftsidee zur Geschäftsplanung“. Die Verbindung von Unterricht und Wettbewerb war sinnvoll und pädagogisch zweckmäßig, weil dadurch Ergebnisse in höherer Qualität angesteuert werden konnten.

Hat der traditionelle Unterricht im Erwerb von Wissen und Können seine Grenzen, so ließ die Einbeziehung  des Wettbewerbs auch die Gewinnung gesellschaftlicher Erfahrungen zu. Indem das gelingt, bereitet die Schule nicht mehr nur auf das Leben vor, sondern wird selbst das „Leben“.

Zu erwartende Schwierigkeiten waren – angesichts des hohen Anspruchs und des Umfangs des Vorhabens – die anhaltende Motivation der Schüler und der große Aufwand, der außerhalb der Unterrichtsstunden zu betreiben war (Gespräche mit Banken, dem Arbeitsamt, Projektierungsbüros, Baufirmen; Arbeit am Computer). Die Schülergruppen fanden rasch Zugang zur Aufgabenstellung und motivierten sich im Arbeits-, Lern- und Erkenntnisprozess derart, dass es nur knapper Hinweise des Lehrers Rainer Grajek bedurfte. Im Prozess der Erarbeitung der Firmenkonzepte werteten die Arbeitsgruppen Erhebungen zum Verhältnis von mittelständischen Neugründungen und Liquidationen in Deutschland aus, verschafften sich einen Überblick über Hilfen und Helfer bei geplanten Unternehmensgründungen in Deutschland, werteten die Listen mit Angaben zu Neugründungen im „Handelsblatt“ unter dem Aspekt der Eigentumsformen aus, überprüften ihr Vorhaben am Modell eines Existenzgründer-Checks und rangen um die beste Geschäftsidee, suchten nach Trends, technischen Entwicklungen und Marktlücken im Produktions- und Dienstleistungsbereich.

Alle Beteiligten mussten folgende für eine reale Unternehmensgründung unerlässlichen Schritte gehen:

Baustein 1: Zusammenfassung.
Beschreibe kurz, welche Produkte oder Dienstleistungen Du anbieten willst, was das Besondere an der Geschäftsidee ist, warum sie erfolgreich sein wird, welchen Nutzen die Kunden davon haben, warum gerade Du dafür geeignet bist, dieses Projekt zu realisieren. Verdeutliche hier auch Deine Ziele, z.B. im Jahr 2000 Dein Produkt nicht nur im regionalen Markt zu vertreiben.

Baustein 2: Unternehmensform.
Willst Du Deine Geschäftsidee allein oder mit Partner verwirklichen?

Mache Dir klar, welche Rechtsform Dein Unternehmen haben soll: eine Einzelunternehmung, bei der Du allein Chef bist, aber auch das gesamte Risiko trägst? Oder vielleicht eine GmbH, bei der auch mehrere Anteilseigner beteiligt sein können und sich das finanzielle Risiko teilen?

Baustein 3: Produkt / Dienstleistung.
Stelle Dein geplantes Produkt oder Deine Dienstleistung vor. Welchen Nutzen haben die Kunden, wie unterscheidet  sich das Produkt von denen möglicher Mitbewerber? Zeige auch  – vielleicht anhand von Skizzen und Fotos –  wieweit Dein Angebot  schon entwickelt ist (Prototyp, Test-Service), und welche Anforderungen bei der Herstellung erfüllt sein müssen.

Baustein 4: Branche / Markt.
Dein Unternehmen kann nur dann ein Erfolg werden, wenn der Markt sich überhaupt für Deine Idee interessiert. Das kannst Du mit einer Analyse  von Markt und Branche  prüfen. Zeige auf, wie viel Du verkaufen willst (Absatz oder Aufträge in Stück, Umsatz in DM), branchentypische  Renditen, Mitbewerber, Zulieferer, Kunden, Vertriebswege.

Baustein 5: Marketing / Vertrieb.
Mache Deinen Geldgebern und Dir selbst klar, wie Du Dein Angebot  an die Frau oder den Mann bringen willst. Erkläre, welcher Vertriebsweg (Supermarkt, eigener Laden, per Versand etc.) sinnvoll ist, und mit welchen Werbemaßnahmen und welchem Budget du Deine Offerte  bekannt machen willst (Handzettel, Anzeigen  in der Zeitung etc.).

Baustein 6: Unternehmensleitung / Personal.
Gerade die “Führungsmannschaft“ eines Unternehmens muss die richtigen Voraussetzungen mitbringen. Sage deshalb, welches fachliche und unternehmerische Know-How Du und eventuelle Partner  in die Firma einbringen können, und schildere auch, ob Ihr  Branchenerfahrung mitbringt. Fehlt Dir  in einem  wichtigen Bereich das Wissen, hole Dir einen guten Partner ins Boot .

Baustein 7: Drei-Jahres-Planung.
Jetzt musst Du – mit Hilfe von Experten – prüfen, ob Deine Geschäftsidee finanzierbar und rentabel ist. Stelle dafür zunächst dar, wie viele Mitarbeiter mit welcher Qualifikation und welchem Gehalt Du beschäftigen willst. Vergiss hier nicht die sogenannten Lohnzusatzkosten für Kranken- und Pflegeversicherung, Renten- und Arbeitslosenversicherung. Rechne hinzu, was Du für Deine Firma anschaffen musst: Computer, Telefon, Auto, Maschinen etc. Damit Du nicht zahlungsunfähig wirst, musst Du immer ausreichend  Geld in der Kasse haben – plane deshalb Reserven ein. Damit Du weißt, wie viel am Ende eines Jahres unter dem Strich übrig bleibt, mache eine Rentabilitätsvorschau. Vergiss dabei nicht, dass Du in der Anlaufzeit vermutlich kaum Umsatz machen wirst.

Baustein 8: Kapitalbedarf.
Aus der Drei-Jahres-Planung weißt Du, wie viel Kapital Du wann brauchst. Nicht jedoch, wo das Geld herkommt. Zeige hier, wie viel Eigenkapital Du mitbringst (15 % der Gesamtkosten sollten es schon sein) und wie viel Du Dir  von Förderprogrammen und Banken holen musst.

Der Lehrer, als Projektleiter, stellte zwei weitere Forderungen:

  1. Die Geschäftskonzeption ist das Spiegelbild der Geschäftsgründer. Sie muß in einer solchen Form vorgelegt werden (Computergrafiken, -schrift; Berechnungen; Verträge), daß sie von Banken und Ämtern sofort als positiv eingestuft wird.
  2. Jedes Arbeitsgruppenmitglied wird akzeptiert und entsprechend seiner Fähigkeiten einbezogen.

Die Schüler kannten zunächst nur die vom Lehrer vorgegebenen Ziele des Unterrichtskomplexes. Erst als sich ein positives Ergebnis in allen Gruppen andeutete, wurde ihnen – nun schon in der Endphase der Arbeit – die Teilnahme am Wettbewerb vorgeschlagen. Die Vorteile dieser Vorgehensweise lagen auf der Hand: Alle arbeiteten ohne äußeren Druck und die vordergründige Absicht der Preiserringung. Im Mittelpunkt stand so die Sache selbst.

Allerdings hingen die Trauben im Wettbewerb hoch. Die Teilnehmer konnten verschiedene Prädikate für ihre Arbeit erringen, wobei das höchstmögliche „mit Auszeichnung teilgenommen“ war. Für absolute Spitzenergebnisse waren bundesweit noch 20 Preise ausgesetzt:

 1. Preis: Zehntägiger Business-Trip nach New York City mit einem Besuch der Börse und des World Trade Centers.
2. Preis: Zweiwöchiges Auslandspraktikum in Shanghai
3. – 20. Preis: vierwöchige Praktika bei exportorientierten Unternehmen in Deutschland.

Rund 5000 Jugendliche haben sich an der Aktion beteiligt. Die Auswahl fiel der Jury besonders schwer, da zum großen Teil exzellente Beiträge eingereicht wurden. Ermittelt wurden die Preisträger von Vertretern des Bundeswirtschaftsministeriums, des Bankhauses Trinkaus & Burkhardt, der Deutschen Ausgleichsbank, des DIHT, des Instituts der deutschen Wirtschaft, des Handelsblattes, der Süddeutschen Zeitung sowie des Südwestdeutschen Rundfunks.

Unter den 5000 Wettbewerbsteilnehmern waren 38 Großenhainer Gymnasiasten.

Im April wurde der Schule das Ergebnis mitgeteilt. 28 unserer Schüler erhielten das höchste Prädikat „mit Auszeichnung teilgenommen“ in Form einer persönlichen Urkunde, die vom Schirmherrn des Wettbewerbs, dem Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, Dr. Werner Müller, unterzeichnet ist.

Die anderen 10 Schüler erhalten eine Urkunde mit dem gleichen Prädikat und je einen der Preise: vierwöchige Praktikumsplätze (also 10 der 18 vergebenen) in exportorientierten deutschen Unternehmen. Angesichts dieses Abschneidens kann keine andere Schule Deutschlands das Großenhainer Ergebnis übertroffen haben.

Natürlich haben alle Glückwünsche und Anerkennung verdient, besonders die Preisträger.

Das sind Katrin Mané, Isabell Stephan und Karina Müller für ihr Projekt „Café mit Internetnutzung in Dresden“; Sebastian Lehmann, Susanne Tittmann und Margret Münch für ein Autoleasingunternehmen (Kurzzeitleasing) und Marko Richter, Jana Lehnert und Diana Hentschel für ihre Geschäftsidee „Kino in Großenhain (3 Säle) mit Restaurant“.

Der Vollständigkeit halber seien die weiteren Geschäftsideen und -pläne erwähnt:

  • Eine Gemeinschaftskanzlei (Steuerberater, Rechtsanwalt, Notar);
  • ein 24-Stunden-Allround-Service;
  • Transport und Übergabe von Geschäftpost per Fahrrad;
  • ein Singvogelhandel mit Verkauf von Lebend- und Mischfutter;
  • eine Dienstleistungseinrichtung „Hilfe für Alle“ (besonders Serviceleistungen für alte Menschen);
  • ein Wäschesalon in der Dresdner Südvorstadt;
  • das Projekt für ein Freizeitzentrum im Großenhainer Stadtpark;
  • eine Cocktailbar in Rostock;
  • eine Sicherheitsfirma.