„Über Pegida sprechen“

In der Sächsischen Zeitung vom 16.05.2015 ist ein Interview mit mir erschienen. Das Gespräch führte Birgit Ulbricht. Zum Originalartikel geht es hier.

Aktives Denken fördern will Geschichtslehrer und Afrika-Kenner Rainer Grajek – wir trafen ihn im Stadtzentrum von Großenhain.Foto: Brühl

Die Bewegung sollte ein Thema im Geschichtsunterricht sein, sagt der bekannte Großenhainer Lehrer Rainer Grajek.

Politische Ansichten sind heute viel konträrer als vor zehn, fünfzehn Jahren. Der Ton ist rauer geworden. Wie gehen Geschichtslehrer damit um und wie sollen sie Schülerleistungen objektiv bewerten? Die SZ sprach darüber mit Rainer Grajek. Der 78-Jährige war nicht nur selbst von 1991 bis 2002 Geschichtslehrer am Großenhainer Gymnasium, er hat auch Geschichtslehrer ausgebildet und er ist als Reisender und Entwicklungshelfer sozusagen der Peter Scholl-Latour Schwarzafrikas.

Herr Grajek, wie sehen Sie denn selbst Ihr Fach im Weltgetöse?

Tja, Geschichte ist das Fach, das an der Schule am meisten zur Persönlichkeitsbildung beitragen kann, und die Wissenschaft, in der am meisten gelogen wird. Der Gefahr, die dort dazwischen liegt, darf ein Geschichtslehrer nie erliegen. Und es sind ihm Grenzen gesetzt. Es gibt zum Beispiel eine Broschüre, wie Lehrplaninhalte zu behandeln sind, das sind politische Inhalte, zum Beispiel die Zielrichtung zum Thema Weltkriege.

Was macht einen guten Geschichtslehrer dann aus?

Ein Lehrer sollte nie dem Schüler seine Meinung vorgeben nach dem Motto „Wir sprechen heut mal über dieses und jenes“. Das Beste, was Geschichtsunterricht leisten kann, ist den Kopf in Bewegung zu setzen. Nehmen wir Bismarck. Er galt zu DDR-Zeiten als Hauptfeind der Arbeiterklasse und dieses Bild wurde auch vermittelt. Natürlich hat er die SPD mit Gesetzen auszuschalten versucht, aber er war auch der Begründer des deutschen Nationalstaates – für mich etwas Positives. Ja, Bismarck war ein gewiefter, rücksichtsloser Diplomat, das ist verbürgt. Aber kaum einer weiß, dass er zärtliche Poesie für Frauen geschrieben hat. Und mancher hat schon vergessen, dass er die Sozialversicherung geschaffen hat. Das ist ein großartiger Gedanke, auch wenn das Motiv sicher Machterhalt war. Menschen sind nicht schwarz-weiß.

Solche Fakten kann man Schüler heraussuchen lassen, sie sollen sich doch mit einer Persönlichkeit befassen und staunen dann meistens selbst. Oder sind emotional ergriffen, wenn man Kriegsgeschehen etwa an Tagebüchern aufarbeitet. Zum Beispiel anhand von Aufzeichnungen von Gefolterten und Folterern. Ich habe manchmal gesagt: Die nächste Unterrichtsstunde gestalten Sie. Nicht, weil der Lehrer keine Lust hatte, das ist sehr aufwendig, sondern weil es erstaunlich ist, was da vorgetragen wird. Das prägt sich ein und prägt.

Würden Sie so auch Pegida thematisieren oder sollte ein Geschichtslehrer das Aktuelle ausblenden?

Wo es sich anbietet, sollte man darüber sprechen. Aber als Lehrer bitte nicht den Fehler machen und die Meinung aus Fernsehen oder Zeitung übernehmen, sondern das Thema methodisch öffnen. Also, was kann man machen? Fragen. Wer sind die Führer der Pegida? Was steht in ihrem Programm? Wer sind die Anhänger? Gibt es verschiedene Gruppierungen und wie agieren die untereinander und in der Öffentlichkeit? Wie reagiert der Staat und wie berichten welche Medien? Wie äußert sich jemand und warum gerade zu diesem Zeitpunkt? Warum kam die Bewegung ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt auf? Ach, da fiele mir noch so vieles ein. Geschichte ist doch nichts anderes als geronnene Politik. Aber nur so kann man sich überhaupt eine Meinung bilden und Menschen zum Denken erziehen.

Ist das der Maßstab für Bewertung?

Ja, aktives Denken, selbstständiges Denken und saubere Erklärungen – nicht politische Parteinahme.

Nun sind Sie durch Ihre vielen Reisen der Peter Scholl-Latour Schwarzafrikas. Wie hat Sie das geprägt?

Afrika, vor allem Schwarzafrika südlich der Sahara, ist wunderschön, ursprünglich und so voller Leben. Ich bin bekennender Afrikaner. Ich war zu DDR-Zeiten an der Akademie der pädagogischen Wissenschaften in Berlin und kam so – zwar parteilos, aber natürlich im staatlichen Auftrag – in die Geschichtslehrerausbildung an der Universität in Luanda. Später kamen unzählige Hilfsprojekte dazu. Inzwischen habe ich mit meiner Frau 30 von 54 Ländern besucht. Vor einigen Monaten waren wir in Kamerun auf einer Testreise für ein Reiseunternehmen. Das war genau die Zeit, als Boko Haram vorrückte. Wir waren mit einem muslimischen Reitervolk unterwegs, ganz friedliche Leute, die seit Jahrhunderten mit den Christen zusammenleben und deren Anführer von beiden anerkannt sind. Aber das funktioniert nur, wenn diese Tradition von Familie zu Familie weitergegeben wird. Der arabische Islam im Norden ist viel aggressiver und hat genau diese friedlichen Strukturen angegriffen.

Können Sie bei allem, was Sie schon erlebt haben, verstehen, wenn Leute hier keine Veränderung wollen und eben diesen aggressiven Islam fürchten?

In gewisser Weise ja. Vielleicht fehlt vielen die Erfahrung mit anderen Kulturen, aber man kann nicht vergessen, der Osten hat bereits mit der Wende einen gewaltigen Wandel geleistet. Das darf man psychisch nicht unterschätzen. Vielleicht kommt auch daher ein Stück weit der Drang, einen kompletten Umschwung nicht noch einmal erleben zu wollen. Aber eines ist klar: Den Zuzug werden wir nicht aufhalten. Das ist etwas, das überall längst passiert ist und das ist für mich auch nicht von vornherein schlecht. Nur, wir müssen die ungewollte Zuwanderung stoppen. Was machen denn Tunesier hier? Das sind junge Kerle, die wollen hier arbeiten, in die Disco, ins Kino. Das sind Wirtschaftsemigranten, aber keine Flüchtlinge. Aber die gibt es natürlich auch und vielfach haben wir Europäer mit dazu beigetragen, dass die Lage in diesen Ländern furchtbar ist. Die Verhältnisse dort müssen sich deshalb ändern. Was zum Beispiel in Libyen passiert ist, hat die Nato ausgelöst. Man kann nicht über 3000 Bombenangriffe starten und sich danach über den entfesselten Terrorismus beklagen. Und so ließe sich eine Reihe von Ereignissen aufführen. Selbst Deutschlands Weg in den Kosovo-Krieg begann 1999 mit einer Lüge von Verteidigungsminister Rudolf Scharping. Auch das ist Geschichte.

Werden Sie trotz der Unruhen wieder nach Afrika reisen?

Solange ich das gesundheitlich kann, immer. Dieser Kontinent ist meine heimliche Sehnsucht und meine große Liebe.