Von wegen Geschichten-Erzähler. Geschichtslehrer Rainer Grajek übers Lernen.

Sächsische Zeitung, 02. Oktober 2000, von Birgit Ulbricht

Wer ihn am Großenhainer Gymnasium zum Geschichtslehrer hat, der kennt das: da vergeht eben mal glatt eine Stunde mit Diskutieren, ohne dass auch nur einer ein Lehrbuch aufgeschlagen hat. Keinen Unterricht gehabt? Von wegen. Der Geschichtenerzähler Rainer Grajek ist ein konsequenter Didakt, einer der seine Schüler begeistern kann und an den sie sich auch nach Jahren noch gern erinnern. Vielleicht weil er wirklich hinterfragt, weil er mühelos den Kreis zum Tagesgeschehen schließen kann. Auch die neuen Medien haben dem heute 63-Jährigen da keinen Abbruch getan. Wer meint, mit dem Internet die „Schulbibel“ gefunden zu haben, wird schnell einsehen müssen, Denken kann es nicht ersetzen.

Die Fertigkeiten, die seine Schüler erlernen, sind geachtet. Mit seinem Namen verbinden sich unter anderem die besten Geschichtsabiture im Regierungspräsidium oder zahlreiche Bundespreise für Betriebsgründungen, die bis ins Detail durchgerechnet und geplant wurden. Eines der letzten Projekte in Sozialkunde hieß Parteiengründung, mit Statuten und allem was dazu gehört. „Das ist das Leben selbst“, beschreibt der Geschichtslehrer solche scheinbar kuriosen Unterrichtsziele.

Und wie sieht er selbst die letzten zehn Jahre als Lehrender? Drei mal drei ist nunmal neun. Aber wie ist es im Fach Geschichte? Gab es persönliche Brüche, Wandlungen, Irrtümer? Und wieder ist es diese Lebendigkeit, die keine einförmigen Antworten aufkommen lässt. Der „Weltenbummler“ Grajek, der 1989 gerade wieder einmal zur Lehrerausbildung in Afrika weilte, hörte in Lubango über Funk von den unerhörten Vorkommnissen aus der Heimat. „Honecker ist abgesetzt“, hieß es. Auf aktuelle Post konnte er erst Wochen später hoffen. Mehr Informationen gab es nicht. Also blieb er in Angola und kehrte im September 1990 nach zwei Jahren in ein anderes Deutschland zurück.

Hier angekommen, wurde er sofort in den Strudel der Veränderungen gerissen. Sein methodisch-pädagogisches Wissen war gefragt, er wurde Schulrat und stellvertretender Schulamtsleiter für Riesa-Meißen-Großenhain.

Gerade für die Geschichtslehrer war es das größte Problem, die neue Freiheit der Betrachtung auszufüllen. Das war doch aber eigentlich das Größte, den Schüler nicht mehr zu einem Standpunkt hinzuführen, sondern zu seinem eigenen Bewusstsein, zu dem er sich hingearbeitet hat.

Genau an dem Punkt sieht er aber auch von anderer Seite ein Problem. Wer das Handeln vieler Gruppen und Personen untereinander betrachtet, braucht erst recht erstklassiges methodisches Vorgehen. Daran jedoch fehlt es vor allem den jungen Kollegen, weil der Geschichtsunterricht im Westen eine solch fundierte Methodenausbildung nicht kennt. Überwiegend werde auf Wissen, statt auch auf geistige Fertigkeiten und Erziehung Wert gelegt. „Das macht mich schon nachdenklich.“