Wie der Großenhainer Friedrich Geyer Bismarck besiegte

Schon zu seinen Lebzeiten waren die Deutschen geteilter Meinung über ihn: Otto Fürst von Bismarck-Schönhausen, preußischer Ministerpräsident und deutscher Reichskanzler. Die einen hielten ihn für einen genialen Außenpolitiker, den verdienstvollen Schöpfer des deutschen Kaiserreichs und des deutschen Nationalstaates von 1871, den Förderer der Industrialisierung und des Kapitalismus, der für dieses Ergebnis die deutschen Staaten in drei Kriege trieb. Andere sahen in ihm den Ränkeschmied, der Kräfte und Mächte gegeneinander ausspielte, der innenpolitische Probleme mit außenpolitischen Aktivitäten überdeckte und der schon 1848 als erzkonservativer Monarchist in wildem Fanatismus die Revolutionäre verurteilte.

Er war bekannt für seine bildhafte, kernige Sprache, seine umfangreichen literarischen Kenntnisse. Es sind gefühlvolle Liebesbriefe aus seiner Feder erhalten. Seine große Leidenschaft aber war das Zigarrenrauchen. Einer seiner politischen Gegner war – Ironie des Schicksals – Zigarrenmacher und kam aus Großenhain: Friedrich Geyer.

In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts sah Bismarck in den Liberalen seinen Hauptfeind, in der Sozialdemokratie aber „die Vermehrung der bedrohlichen Räuberbande“ (1878), die „Tyrannei einer Gesellschaft von Banditen“. 1878 peitschte er im Deutschen Reichstag das Ausnahmegesetz „gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ durch, das die sozialdemokratischen Vereine, Versammlungen und Druckschriften bis 1890 verbot.

Die von Frankreich an Deutschland gezahlte Kriegsentschädigung brachte auch die Großenhainer Industrie zur Blüte. Wie anderswo organisierte sich die städtische Arbeiterschaft, um bessere soziale Bedingungen und politisches Mitspracherecht zu erzwingen. 1873 kam es zu einer Volksversammlung im Schützenhaus. Dort sprach der Dresdner Otto Walster zu den Anwesenden, und es wurde- so der Chronist Schuberth- ein „socialdemokratischer Arbeiterverein gegründet“. Unternehmer und Arbeiter wandten sich mit Aussperrungen und Streiks gegeneinander. Als am 2. September 1874 aus Anlaß der Sedan- Feiern (2.9.1870 Sieg der deutschen Truppen über die französischen) die Großenhainer Fabriken am Nachmittag geschlossen wurden, weigerten sich die Arbeiter, die Schließung und den Verdienstausfall hinzunehmen.

Auch die folgenden Jahre standen im Zeichen der Klassenauseinandersetzungen. Am 13. Mai 1876 wurde in den Tuchfabriken (außer bei Zschille, Thieme und Caspari) eine Lohnkürzung verkündet. Drei Tage später wurde der Arbeiter Rohde zum Sprecher und Verhandlungsführer der Arbeiter gewählt. Da die Gespräche zu keinem Ergebnis kamen,. griffen beide Seiten am 22. Mai zu ihren inzwischen bewährten Waffen (Streik bzw. Entlassungen) in allen Tuchfabriken der Stadt, und erst am 22. Juni begannen sich mit dem Sieg der Arbeiterschaft in den Fabriken die Räder wieder zu drehen. Schon 1872 machten die Großenhainer Textilarbeiter mit einem Streik auf ihre Lage und ihre Forderungen aufmerksam. 1874 hatten sie mit Unterstützung des Abgeordneten im Sächsischen Landtag, Wilhelm Liebknecht, ihre gewachsene Stärke demonstriert .

In den zwölf Jahren des bismarck’schen Sozialistengesetzes waren die Sozialdemokraten Großenhains Repressionen, Bespitzelungen und Polizeiaufsicht ausgesetzt. Doch ihr nicht zu brechender Kampfeswille ließ sie zwischen 1878 und 1890 eng zusammenwachsen, sie nutzten die wenigen verbliebenen legalen Möglichkeiten zur Zusammenkunft und illegale zur gegenseitigen Information. Etwa fünfzig Leser sollen den aus der Schweiz  herübergeschmuggelten „Sozialdemokrat“ bezogen haben.

Interessant ist es, in der in jener Zeit entstandenen Stadtchronik Schuberths zu blättern. Während er distanzierend-neutral über den Arbeitskampf der Werktätigen  berichtete, machte er aus seiner freundlichen Bejahung der politischen Betätigung der Unternehmer und Stadtoberen kein Hehl. Unter den Eintragungen sind solche:

1878: „Am 30. Juli wurde Herr Pofessor Richter wiederum in den Reichstag gewählt.“ Die gleiche Formulierung wird für das Jahr 1881 benutzt. Turbulent  ging es 1882 zu. „Am 18. Mai fand im Gesellschaftshause eine Wählerversammlung statt, bei welcher Herr Reichstagsabgeordneter Eugen Richter einen Vortrag übernommen hatte; die Versammlung mußte jedoch sogleich im Anfange wegen großen Lärms polizeilich geschlossen werden.“ Zwei Tage später wurde die Wählerversammlung dann doch noch im Gesellschaftshaus nachgeholt. Selbstverständlich unter der Teilnahme des Herrn Abgeordneten Richter; auch Finanzrat Schickert war dabei. Letzterer wollte auch in den Reichstag. Leider war seine Mühe vergebens, denn „Am 9. Juni wurde in der Stichwahl zwischen Herrn Finanzrath Schickert und Herrn Baumeister Kämpffer der Letztere in den Reichstag gewählt.“

Doch schon wieder wurden die Großenhainer Arbeiter aufmüpfig. „Zu Anfang Mai (des Jahres 1883; R.G.) drohte eine Arbeitseinstellung der hiesigen Weber, sie wurde aber zunächst auf dem Wege gütlicher Verhandlungen verhütet.“

Akribisch verzeichnet die Schuberth`sche Chronik den Großenhainer Anteil an den Reichstagswahlen: „Am 28. Oktober (1884, R.G.) wurde Herr Rittergutsbesitzer Kammerherr von Carlowitz als Reichstagabgeordneter gewählt.“ Das Gleiche vermeldet er 1887 bezüglich des Freiherrn von Friesen, auch dessen Wiederwahl im Februar 1890.

Einen Großenhainer übersieht Schuberth geflissentlich: Friedrich August Karl Geyer, geboren am 12.3.1853 im Hause Frauenmarkt 27, gestorben am 22.1. 1937 in Tharandt. Die Geyers besaßen eine Zigarrenfabrik in der Meißner Straße 34. Die Fabrik war Treffpunkt der Sozialdemokraten Großenhains.

Geyer wurde bald deren führender Kopf. Er half dem bereits 1865 gegründeten Arbeiterbildungsverein der Textilarbeiter, dessen Zusammenkünfte in der Radeburger Straße 4 stattfanden, bei der Ausarbeitung des Statuts.

Das Wirken Geyers in Großenhain fiel in die Jahre 1873 bis 1886 und äußerte sich besonders in seinem Einfluß zur Entwicklung der Gewerkschaften, der vor allem Textil-, Metall- und Bauarbeiter. Während der Zeit des Sozialistengesetzes wurde er in der gesamten Sozialdemokratie durch die genannten Aktivitäten bekannt.. In ihm und seinen Mitstreitern sah Bismarck einen politischen Gegner, der ein neues revolutionäres, wirtschaftlich-soziales und staatliches Prinzip vertrat, das sein gesamtes auf autoritärer, obrigkeitlicher Grundlage ruhendes Werk zu gefährden schien. Folgerichtig wählten die Sozialdemokraten und die sächsischen Arbeiter den Großenhainer Zigarrenhersteller als Reichstagsabgeordneten. Unter dem Druck des Ausnahmegesetzes war es schwierig für die sozialdemokratischen Arbeiter, sich zu verständigen.
Trotzdem legten 1883 270 Weber in zwei Großenhainer Fabriken vom 17. bis 20. Mai die Arbeit nieder. Ein besonderer Vorfall geschah am 15. Februar 1884 im Gesellschaftshaus. Da der Sächsische Landtag ein Versicherungsgesetz beschlossen hatte, sollte das Mitglied des Landtages, der Sozialdemokrat August Bebel sprechen. Die Behörden verboten sein Auftreten als Referent des Abends, so daß sich Bebel lediglich als Diskussionsredner zu Wort melden konnte. Die Ankündigung seines Besuches hatte einen brechend vollen Saal zur Folge, und unter den Besuchern wurden Offiziere der Großenhainer Garnison in Zivil ausgemacht. Ein Schutzmann hatte die Versammlung zu überwachen. In einer 1979 in Großenhain herausgegebenen Broschüre wird mitgeteilt, daß sich eben jener Schutzmann, mitgerissen von der Begeisterung und dem Beifall der Anwesenden, bei August Bebel für die schöne Rede bedankt haben soll. Der Großenhainer Maler W. Harras hat diese Episode in einem Bild der Nachwelt überliefert.
Als Diskussionsredner hatte Bebel immerhin über eine Stunde zur Einführung einer sozialen Versicherung und über Probleme der Arbeiterbewegung gesprochen.

In der Zeit des Sozialistengesetzes hatte die Reichstagsfraktion der Sozialdemokraten die Funktion der Parteileitung übernommen.

Am 25. Januar 1890 verweigerte der Reichstag die von Bismarck geforderte Verlängerung des Gesetzes.
Bei den folgenden Reichstagswahlen gelang der Sozialdemokratie ein einzigartiger  Triumph. Sie feierte ihn am 8. März 1890 mit einer auf rotem Papier gedruckten Festausgabe ihrer Zeitung „Der Sozialdemokrat“. Unter der Schlagzeile „20 Mandate im ersten Wahlgang, 16 in der Stichwahl. 1.341.587 sozialdemokratische Wähler – 567.405 Zuwachs“ prangte unter der Rubrik „Im ersten Wahlgang gewählt“: Leipzig-Land: F. Geyer, Zigarrenarbeiter in Großenhain.

Bismarck war geschlagen. Das Gesetz wurde am 30. September 1890 außer Kraft gesetzt. Bereits am 20. März 1890 hatte Kaiser Wilhelm II. das ihm zwei Tage zuvor übergebene Entlassungsgesuch Bismarcks angenommen. Der Hallenser Parteitag von 1890 gab der Partei den Namen Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), ihre Mitgliedstärke lag bei etwa einhunderttausend. In Großenhain wurde 1895 die Gründung des Sozialdemokratischen Vereins unter der Leiitung des Webers Ernst Nitzsche vollzogen (ca. 260 Mitglieder). Weitere Gruppen entstanden u.a. in Zschieschen, Kleinraschütz, Großraschütz und Skassa.

Der Einfluß des Reichstagsabgeordneten Geyer zeigte Wirkung. Die Legislaturperiode des Reichstages betrug zunächst drei, nach dem Gesetz vom März 1888 fünf Jahre. Die Abgeordneten erhielten bis dahin keine Diäten. Diese wurden erst per Gesetz im Mai 1906 eingeführt.

Doch Geyer und Genossen stießen nicht überall in Großenhain auf Verständnis. Das Sagen in der Stadt hatten die Bismarckfreunde. 1895 wurde im Stadtpark eine Bismarckeiche gepflanzt und für das Jahr 1892 vermeldet die Chronik: „Als Fürst Bismarck, der unvergleichliche Schöpfer unseres neuen deutschen Reiches, zur Hochzeit seines Sohnes nach Wien reiste, fuhren zu seiner Begrüßung auch von hier zahlreiche Verehrer theils am 18. Juni nach Röderau, theils an diesem oder dem folgenden Tage nach Dresden.“

Offizieller Fürsprecher der Bismarckverehrung war die „Mittelsächsische Zeitung… für den 7. sächs. Reichstagswahlkreis (Meißen-Cölln, Großenhain, Riesa, Lommatzsch und Umgebung)“, die am 23. August 1893 in einem Leitartikel von einem Besuch „beim Fürsten Bismarck“ dessen Loblied singt und ihn zitiert: „Der Deutsche  hängt an seinen Dynastien, und die Dynastien hängen auch an Deutschland.“ Und- eingedenk der Großenhainer Leserschaft: „…zog sich der Fürst unter stürmischen, begeisterten Zurufen allmählich in das Haus zurück!“

Bismarck starb vor über 100 Jahren, am 30. Juli 1898 in Friedrichsruh.
Das Wahljahr 1998 ist das Bismarck-Jubiläumsjahr. Die Meinung über ihn spaltet erneut die Nation. Zu Ehren des Staatsmannes aus Friedrichsruh im Sachsenwald ist die Otto-von-Bismarck-Stiftung auf der Grundlage des Gesetzes vom 23. Oktober 1997 errichtet worden. Im Juni 1997 hatte der Deutsche Bundestag mit der Koalitionsmehrheit die Errichtung der Bismarck-Stiftung als fünfte Bundesstiftung (nach Ebert, Heuss, Adenauer und Brandt) und als „rechtskräftige Stiftung des öffentlichen Rechts“ beschlossen.

Die SPD-Abgeordnete Titze-Stecher fragte in der Debatte an, ob der „Antidemokrat Bismarck, der das Parlament als Pest“ betrachtet habe, einen Beitrag zum heutigen Demokratieverständnis leisten könne. Die Abgeordnete Buntenbach (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) warf der Regierungskoalition vor, mit der Bismarck-Stiftung „eine Spielwiese für Rechtextreme und für Monarchisten mit Geldern des Bundes“ auszustatten. Die CDU konterte mit der Stiftungsabsicht zur Führung der „pluralistischen Auseinandersetzung“ mit einer zentralen Figur der deutschen Geschichte aus dem vergangenen Jahrhundert. Hauptaufgabe soll die historisch-politische Bildung und die Würdigung Bismarcks als Begründer der deutschen Sozialpolitik sein. Als Sitz der Stiftung erwarb der Bund schon 1993 für etwa eine halbe Million Mark das historische Empfangsgebäude des Bahnhofes Friedrichsruh, der neben Schloß, Mausoleum und Museum das Ensemble historischer Bismarckstätten bildet. Für die Sanierung und den Umbau stellte der Bund 7,5 Millionen DM bereit. Die jährlichen Betriebskosten belasten den Bundeshaushalt mit einer Million DM.

Die Broschüre zu Großenhainer Gedenkstätten von 1979 zeigt das Geyer-Haus in der Meißner Straße in einem tristen äußeren Zustand; zu ebener Erde das Geschäft  Hut-Sello. Vor zwei Jahren übernahm ein neuer Eigentümer das Gebäude, welches heute hinter glänzender, prunkvoller Fassade ein Cafe beherbergt. Eine Gedenktafel existiert nicht, weder seitens der Stadt noch von der hiesigen SPD-Gruppe kam ein entsprechendes Angebot.

Hat Großenhain seinen berühmten Sohn vergessen?