Wie viele Menschen kamen beim Tod Samora Machels ums Leben?

Am 19. Oktober 1986 prallte das Flugzeug mit dem mosambikanischen Präsidenten Samora Moisés Machel, der sich auf dem Rückflug von Lusaka (Sambia) nach Maputo befand, mit einer Geschwindigkeit von 411 Stundenkilometern auf einen Hügel der Hochebene nahe des südafrikanischen Ortes Mbuzini. Das Städtchen gehörte damals zum Bantustan Kangwane, der vor allem dem in der Republik Südafrika lebenden Bantuvolk der Swasis als Lebensraum zugedacht war.

Aus den Aufzeichnungen der Flugschreiber ging hervor, dass der Aufschlag genau um 21 Uhr, 21 Minuten und 39 Sekunden erfolgte.

Mbuzini befindet sich in den Lebombobergen im Länderdreieck Südafrika- Swasiland-Mosambik. Maputo liegt etwa 80 Kilometer  in östlicher Richtung, der nächste Grenzort ist die mosambikanische Stadt Namaacha.

Nachdem jahrelang nach den Absturzursachen geforscht, die Ergebnisse der Nachforschungen verheimlicht, verschwiegen oder verfälscht wurden, hat sich in den letzten Jahren die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Maschine vom damaligen Apartheidregime Südafrikas vorsätzlich zum Absturz gebracht  und dass dazu die Verbindung zum Tower auf dem Maputoer Flughafen unterbrochen wurde (Entsprechende Aufzeichnungsbänder sind verschwunden). Vielmehr gingen südafrikanische, sowjetische und mosambikanische Experten davon aus, dass das Funkfeuer (VOR), das der Maschine den Weg zur sicheren Landung weisen sollte, manipuliert und vom Flughafen Matsaba (Swasiland) aus gesendet wurde. Die vom damaligen südafrikanischen Außenminister Roelof Botha verbreitete These, die sowjetische Crew sei betrunken gewesen, entsprach nicht der Wahrheit. Wie die mosambikanische Zeitung „Notíçias“ in einem Artikel von Carlos Cardoso von der Nachrichtenagentur AIM („Incisões no pescoso de seis das vítimas“ ) 1987 darlegte, waren sowohl südafrikanische wie auch mosambikanische Mediziner bei Blutanalysen in Maputo zum Ergebnis gekommen, dass kein Alkohol im Spiel war. Im genannten Artikel wurden auch die Namen der an den Untersuchungen beteiligten Mediziner genannt. Die Blutentnahmen erfolgten in Maputo, nachdem am 20. Oktober 1986 gegen 16 Uhr zuerst die Körper von Samora Machel, Alcântara Santos und Aquino de Bragânça mit einem Hubschrauber der mosambikanischen Streitkräfte nach Maputo gebracht worden waren. Die anderen Toten wurden zunächst nach Komatiport transportiert und trafen mit einer mosambikanischen Antonow 20 Uhr in Maputo ein.

Überraschenderweise gibt es seit dem Absturz der sowjetischen TU 134 im Jahre 1986 und auch nach der  Enthüllung des Samora-Machel-Memorials 1999 bei Mbuzini in den Presseveröffentlichungen falsche oder ungenaue Zahlen über die Opfer des Unglücks (siehe Rundbrief Nr. 77: „25 Menschen starben, unter ihnen Machel, neun Insassen überlebten den Absturz.“).

Ich habe die damaligen Ereignisse aus direkter Nähe mitverfolgt und wichtiges Material gesammelt, das Auskunft über die tatsächlichen Opfer gibt. Es sind vor allem zwei Quellen, die exakte Aufschlüsse über das Geschehen und die Zahl der Toten und Überlebenden geben. Dazu gehört die „Notíçias“ vom 21. Oktober 1986, die auf  Seite zwei die Namen der Toten und (bei den meisten) ihre Funktion innerhalb der Präsidentendelegation nennt. Die Überlebenden werden nur namentlich genannt, nur der sowjetische Bordingenieur mit seinem Beruf. Noch aussagefähiger ist die Trauerrede des Mitgliedes des Politbüros der Frelimo, Joaquim Chissano, abgedruckt in der Wochenschrift „Tempo“ Nr. 838 vom 2. November 1986 (Seite 50 ff.). Darin werden die meisten Toten mit ihrem Lebenslauf, ihrem Wirken in der mosambikanischen Gesellschaft und ihren Verdiensten gewürdigt. Andere werden namentlich erwähnt.

Der „Notíçias“-Bericht veröffentlichte die „Lista dos passageiros do avião presidencial“ („Passagierliste des Präsidentenflugzeuges“) mit dem Zusatz „Comunicado anuncia 33 mortos e 10 feridos, alguns em estado grave“ („Kommuniqué verkündet 33 Tote und 10 Verletzte, einige in ernstem Zustand“). In der Zahl 33 ist die Person des Präsidenten nicht enthalten, wie die nachstehende Aufzählung beweist. Neben dem „ … Marschall der Republik Samora Moisés Machel verloren gleichzeitig folgende Mitglieder der präsidialen Delegation ihr Leben.“ Es folgen deren Namen unter teilweiser Weglassung von Vornamen, die jedoch in der zweiten Quelle vorhanden sind und die ich der Richtigkeit und Vollständigkeit halber hinzugefügt habe.

Luís Maria de Alcântara Santos (Minister für Transporte und Verkehr), José Carlos Lobo (Stellvertretender Außenminister), Aquino de Bragança (Direktor des Zentrums für afrikanische Studien), Fernando Honwana (Persönlicher Assistent des Präsidenten), Alberto Cangela de Mendonça (Protokollchef), Muradali Mamadhusen (Sekretär des Präsidenten), João Tomás Navesse (Mitarbeiter im Außenministerium), Ivele Lídia Luísa Amós (Sekretärin des Präsidenten), Osvaldo Fernando de Sousa (Dolmetscher für Englisch), Bernardino Carlos dos Santos Chiche (Dolmetscher für Französisch), Gulano Khan (Presseattaché), Major Daniel Maquinasse (Fotograf), Hauptmann Parente Manjate (Adjutant des Präsidenten), Nacir Charamadane Matano (Mitarbeiter), Adão Gore Nhoca (Mitarbeiter), Eduardo Viegas Mavilha (Persönlicher Referent), Albino Falteira (Küchenchef), Alberto Ernesto Chaúque (Leibwächter), José Quivanhane (Mitarbeiter), Azarias Inguana (Fotograf von „Notíçias“), Alferes Fernando Lázaro Nhaquila (Ingenieur), Orlanda Jossias Garrine Chumaio (Stewardess), Esmeralda Luísa       (Stewardess), Sofia Francisca Arone (Stewardess), Maria Ilda Carão (Stewardess)

Danach wurde formuliert: „Beim gleichen Vorfall starben auch folgende Internationalisten.“

Henriques Bettencourt (Leibarzt aus Kuba), Ulisses la Rosa Mesa (Leibarzt aus Kuba), Juri Novodran (Flugzeugkommandant), Igor Kartamychev (Kopilot), Oleg Kandrianov (Navigator), Anatoli Choulipov (Funker), Cox Sikumba (Botschafter Sambias), Tokwalu Batale Okulakamo (Botschafter aus Zaire)

„Es überlebten das tragische Geschehen die folgenden Mitglieder der Präsidentendelegation, einige in lebensbedrohendem Zustand.“

Eusébio Guido Martinho, Capitão Carlos Jambo, Capitão João Rendição, Fernando Manuel João, Almeida Pedro, Manuel Jairosse, Daniel Cuna, Jossefa Machango, Vaso Langa, Vladimir Novossolov (Bordingenieur)

Damit ergeben sich als Opferzahlen des Unglücks vom 19. Oktober 1986:

Es starben Samora Machel und weitere 25 mosambikanische Angehörige seiner Begleitmannschaft (also 26 Personen), 2 Botschafter, 4 Mitglieder der sowjetischen Crew und 2 kubanische Ärzte. Demzufolge starben bei dem Absturz der TU 134 insgesamt 34 Personen. Es überlebten 9 Mosambikaner und der sowjetische Bordingenieur, also 10 Personen. Insgesamt befanden sich auf diesem Flug 44 Menschen in der Maschine. Einer der Überlebenden starb im Januar 1987 an den Folgen des Absturzes: Eusébio Guido Martinho. Damit erhöhte sich die Zahl der Toten auf 35.

Noch immer wird über die wahren Ursachen des Absturzes gestritten. Auch wenn der Südafrikaner Hans Louw nach seiner Haftentlassung nach elf Jahren (von 28 Jahren, zu denen er verurteilt war) seine Beteiligung am Attentat zugab und das südafrikanische Fernsehen mit seiner Dokumentation „Tod eines Präsidenten“ (2008) der Wahrheit wohl dicht auf der Spur ist.

Allerdings gibt es noch immer gewisse Zweifel an den Aussagen Hans Louws. In der  Zeitung „Zambeze“ vom 16. Oktober 2008 wurde der Verdacht ausgesprochen, dass seine Mitteilungen vom Ziel, seine Amnestie zu erreichen, geprägt waren. „Die Aussage von Louw ist eine Neuauflage der Erklärungen von 2003 in der südafrikanischen Wochenschrift „Sowetan Sunday World“, im Stil eines Geständnisses mit der Absicht einer zu erlangenden Amnestie durch die Wahrheitskommission (TRC).“ Zwar hat er das Fernsehteam zur Unglücksstelle geführt und die Rolle seiner Gruppe mit der Aufgabe erklärt, im Falle des Nichtfunktionierens der Funkfeuervariante die Präsidentenmaschine mit schultergestützten Flugabwehrraketen vom Himmel zu holen. Aber Details seiner Aussagen passen nicht zu den Erkenntnissen der Untersuchungskommission. So behauptete er, das Fahrgestell der Maschine sei ausgefahren gewesen, was bedeutet hätte, die Crew glaubte sich in diesem Moment im direkten Anflug auf Maputo. Dies steht im Widerspruch zur Gesprächsaufzeichnung der sowjetischen Besatzung, die AIM in der „Notíçias“ vom 26. Januar 1987 unter der Überschrift „Os últimos dez minutos“ („Die letzten zehn Minuten“) veröffentlichte. Im Interview mit dem südafrikanischen Kanal SABC gab es auch Abweichungen in der zeitlichen Zuordnung des Desasters durch Hans Louw.

Die endgültige Aufklärung lässt also immer noch auf sich warten.

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Update vom 16. April 2016: 
Eine historische Radioaufnahme aus meinem Archiv von Radio Mosambik (RPM) habe ich in dem Artikel „Historische Radioaufnahme zum 30. Jahrestag des Todes von Samora Moises Machel – Eine Dokumentation“ veröffentlicht.