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Zeitz, die Gebrüder Denhardt und ein überraschenden Erlebnis


ICH BIN BEKENNENDER AFRIKANER.

Besonders Schwarzafrika gilt meine große Zuneigung. Vielleicht wirken da uralte Instinkte im Unterbewusstsein, beginnt unser aller Ahnenreihe doch auf dem schwarzen Kontinent. Mit Sicherheit kann ich sagen, dass mein Interesse für Afrika in den Kindheitstagen begann. Wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges half mein Vater einem Unternehmer, der aus der Stadt Zeitz in Sachsen-Anhalt in eine der deutschen Westzonen umzog, beim Ausräumen seiner Wohnung. Als Dank durfte er sich aus der Bibliothek dieses Mannes Bücher seiner Wahl mitnehmen. Zwei davon schenkte er mir. Beide handelten von Afrika und nahmen mich sofort gefangen.

Ich mochte damals zehn oder elf Jahre alt gewesen sein und betrachtete mit wachsender Neugier die vielen Radierungen, auf denen Landschaften und Tiere zu sehen waren sowie einzelne Menschen und Menschengruppen in zum Teil theatralischen Posen.

Das ließ mich mit zunehmendem Alter immer wieder zu Afrikakarten und nach Literatur greifen, um mehr über die Personen der Handlung zu erfahren.

Mein Traum von Afrika begann sich zu erfüllen, als ich 1981 meine Lehr- und Beratertätigkeit in Mosambik aufnahm. Und ich wurde sofort mit dem Glanz und dem Elend dieses Kontinents konfrontiert. Ich traf auf wunderbare Menschen, erlebte herrliche Landschaften, Hungersnöte und geriet mitten in einen sich zuspitzenden Bürgerkrieg, der Menschen zu heimatlosen Flüchtlingen machte und Unschuldige sterben ließ.  

Als ich Mosambik Ende 1986 verließ, tobte der Krieg noch immer. Auch als ich 1989 und 1990 einen Lehrauftrag an der angolanischen Hochschule für Erziehungswissenschaften, einer Außenstelle der Universität Luanda, übernahm, geriet ich mit meiner Frau, die mich stets begleitete, in ein vom Krieg zerrüttetes und zerstörtes Land.

Die Jahre in Mosambik und Angola waren gefüllt mit dem Kennenlernen afrikanischer Lebens- und Denkweisen, afrikanischer Mentalitäten und afrikanischen Handelns. Tief hatte sich das Bild afrikanischer Menschen und Natur in unsere Seelen und Herzen gebrannt und Sehnsüchte entstehen lassen, die nur durch das In-Augenschein-Nehmen weiterer Länder gestillt werden konnten.

Nach der politischen Wende 1990 in der DDR ergab sich die Möglichkeit, frei in afrikanische Länder zu reisen, ohne durch die früher für das Reisen ins Ausland tödliche Frage in den Akten „Haben Sie Verwandte in der Bundesrepublik Deutschland?“ gehindert zu werden.

Als wolle das Schicksal meine frühe geistige Bindung an Afrika bestätigen, schenkte mir der Zufall ein überraschendes Erlebnis. Ich spazierte nach vielen Jahren der Abwesenheit durch die Altstadt von Zeitz, um meinem Sohn Andreas die Stätten meiner Kindheit zu zeigen. An dem Haus, in welchem meine Eltern und Geschwister ein halbes Leben lang gewohnt hatten, ich selbst nur kurze Zeit, war eine Tafel angebracht:

„Hier stand bis zum Jahr 1936 das Geburtshaus der Gebrüder Clemens und Gustav Denhardt. Afrikaforscher und Kartographen“

Die Brüder Clemens (1852–1928) und Gustav (1856–1917) unternahmen Expeditionen durch Ostafrika und besuchten Sansibar. 1885 erwirkten sie die deutsche Schutzherrschaft über das Suaheli-Sultanat Witu, gelegen an der nördlichen Küste des heutigen Kenia. Sie verloren das sogenannte Witu-Land, als Deutschland und Großbritannien am 1. Juli 1890 den Helgoland-Sansibar-Vertrag unterzeichneten und Deutschland die damals britische Insel Helgoland und in Afrika den Caprivistreifen erhielt. Von der deutschen Regierung wurden die Denhardts mit 150.000 Goldmark entschädigt.

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Auszug aus

Grajek, Rainer: Kreuz und quer durch Afrika. Band 1. Unterwegs auf dem Schwarzen Kontinent. novum pro. 2014.

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