Madgermanes in Mosambik. Eine persönliche Geschichte.

Im Rahmen der Tagung „Respekt und Anerkennung“ im Februar 2019 in Magdeburg stand u.a. das Thema der „Madgermanes“, mosambikanischer Vertragsarbeiter in der DDR, im Fokus.

In meinem 2005 erschienenen Buch „Berichte aus dem Morgengrauen. Als Entwicklungshelfer der DDR in Mosambik“ gehe ich den historischen Spuren dieser Bewegung nach und beschreibe am Beispiel eines mosambikanischen Freundes unserer Familie dessen Schicksal in der DDR und in Mosambik. Damit erhalten die Darlegungen der Betroffenen in Magdeburg eine weitere persönliche Konkretisierung.


Auszug aus: Grajek, Rainer: Epilog. Ein fast vergessenes Land. In: Berichte aus dem Morgengrauen. Als Entwicklungshelfer der DDR in Mosambik. 2005. S.267 – 271.

Wie viele Illusionen zerplatzten in Mosambik?

Seit 25 Jahren betreibe ich meine Studien über das Land.

Ich wusste, was seit meinem letzten Aufenthalt dort geschehen war.

Schon 1989 verabschiedete sich der V. Frelimo-Kongress vom Marxismus-Leninismus als Staatsideologie. Ein Jahr später verhandelten Frelimo und Renamo in Rom über die Beendigung des Bürgerkrieges. Noch 1990 wurde die neue Verfassung in Kraft gesetzt. 1991 fasste der VI. Frelimo-Kongress entscheidende Beschlüsse für die Zukunft des Landes. Die Partei selbst wurde demokratisiert. Zum ersten Mal wurden das Zentralkomitee und der neu geschaffene Politische Ausschuss in geheimer Wahl zusammengestellt. Das neue Leitbild der Frelimo heißt seitdem „Demokratischer Sozialismus“. Am 4. Oktober 1992 kehrten die politischen Gegner erneut nach Rom zurück. Präsident Chissano und Renamo-Führer Dhlakama unterzeichneten das Friedensabkommen. Es beinhaltete die Demobilisierung der Armee und der Renamo sowie die Aufstellung gemeinsamer Streitkräfte. Danach sollten Wahlen stattfinden. Man erbat die Einsetzung einer Überwachungs- und Kontrollkommission der Vereinten Nationen. 1992 billigte der Sicherheitsrat der UNO die ONUMOZ genannte Mission in Mosambik. Eine 8.000 Mann zählende Friedenstruppe sollte die Einhaltung der beschlossenen Maßnahmen gewährleisten. Der 16 Jahre währende Bürgerkrieg hatte mindestens 600.000 Menschen das Leben gekostet.

Estêvão war als Vertragsarbeiter in die DDR gekommen und hatte im VEB Walzwerk Finow gearbeitet. Sein Freundeskreis war damals groß. Er hatte ein angenehmes, freundliches Wesen, war hilfsbereit und von heiterer Natur. Noch vor der politischen Wende in der DDR war er in seine Heimat zurückgekehrt.

Wir saßen in einem Straßencafé auf der Avenida Eduardo Mondlane. Der Straßenverkehr nahm in der Nachmittagsstunde zu und der sich verstärkende Lärm zwang uns immer öfter, während des Gesprächs die Köpfe zusammenzustecken, als tauschten wir Geheimnisse aus. Das Geschehen, welches Estêvão schilderte, war auch in Deutschland durch Zeitungsmeldungen und eine Reportage in der ARD-Sendung „Weltspiegel“ bekannt geworden.

Nachdem er mir geschildert hatte, wie er auf der Suche nach Arbeit zu der einen und anderen Anstellung gekommen war, kam er auf das Thema zu sprechen, das mich besonders interessierte.

„Als ich nach Maputo zurückkehrte, war ich für meine Familie und die Nachbarn etwas Besonderes. Ich hatte es geschafft, in Deutschland zu arbeiten, war also ein Weitgereister, einer, der die Welt gesehen hatte. Aber es waren bald viele, die zurückkamen, und so verblasste die Erinnerung meiner Umgebung an meine Vergangenheit und das Staunen der Leute nahm ab. Dafür trafen wir „Mosambik-Ossis“ uns immer öfter und redeten von unserer DDR-Zeit. Es sollen ja aus Mosambik so 18.000 bis 20.000 Arbeiter bei Euch tätig gewesen sein. Als in Berlin die Mauer fiel, wurden fast alle Mosambikaner nach Hause geschickt. Wir hatten es schwer, wieder Fuß zu fassen. Die Menschen dachten, dass wir ihnen als besser Qualifizierte die Arbeit wegnehmen. Ohnehin nahm die Arbeitslosigkeit in den Städten, auch hier in Maputo, rapide zu. Unsere scheinbare Überlegenheit in puncto Wissen und Arbeitserfahrung wurde zu einem Nachteil. Zur Arbeitslosigkeit und Armut kamen nun Misstrauen und Ablehnung.“

Der 41-jährige machte eine Pause und dachte sichtbar angestrengt nach.

„Wir kamen mit dem Leben hier kaum noch zurecht. Eigentlich waren wir Deutsche geworden, die jetzt in Mosambik leben sollten. Die meisten von uns bemühten sich um eine Anstellung in deutschen Firmen in Maputo. Aber da waren die Chancen gering. So blieben wir die ungeliebten Regressados (Rückkehrer). Wenn wir uns trafen, redeten wir manchmal vom Oberligafußball aus DDR-Zeiten, von Dynamo Dresden und so.

Bei unseren sporadischen Zusammenkünften stellte sich heraus, dass wir alle ein gleiches Problem hatten. Die DDR-Regierung hatte veranlasst, dass den mosambikanischen Vertragsarbeitern zwischen 1979 und 1985 25 Prozent des Lohnes abgezogen wurden. Danach waren es sogar 60 Prozent. Dieses Geld wurde an die mosambikanische Regierung überwiesen. Die sollte es uns nach der Rückkehr auszahlen. Aber was machten die da oben? Sie benutzten es, um Staatsschulden zu bezahlen oder Waren zu importieren. Die meisten von uns gingen leer aus.“

Ich sagte ihm, dass es sich um eine ziemlich große Summe handeln müsse. In einem Zeitungsbericht waren allein 12,5 Millionen Mark genannt worden, die über die Außenhandelsbank in Berlin 1990 nach Mosambik flossen.

„Um unser Geld zu erhalten, sind wir mit unseren Forderungen an die Öffentlichkeit gegangen und haben die Regierung um Auszahlung ersucht. Sonnabends trafen wir uns im Jardim de Liberdade (Garten der Freiheit) und diskutierten. Die Bevölkerung nannte uns Madgermanes („viele Deutsche“). Als der Erfolg ausblieb, begannen wir unter Mitnahme von DDR-Fahnen Freitagsdemonstrationen in Maputo durchzuführen. Die Polizei setzte sogar Waffen gegen uns ein. Unser Kollege Virgílio Amade wurde erschossen. Meist wurden Gummigeschosse eingesetzt. Das Geld, das uns vorenthalten wurde, war ja als Renten- bzw. Sozialabgabe deklariert.

Ich war bei den Demos nicht immer dabei. Auch nicht im Vorjahr, als 41 von uns die Wachen entwaffneten, in die deutsche Botschaft in Maputo eindrangen und sie fünf Tage besetzt hielten. Botschafter Ulf Dieter Klemm und seine Mitarbeiter wurden »als Pfand« genommen. Als Gegenleistung für die Freilassung aller Botschaftsmitarbeiter am ersten Abend musste die angerückte Polizei sich bis auf 300 Meter Entfernung zurückziehen. Der Botschafter verbot der Polizei, die Botschaft zu stürmen. Sie war ja exterritoriales, also deutsches, Gebiet. Unsere Leute wollten Druck auf die deutsche Regierung machen. Die soll inzwischen auch 20 Millionen Euro nach Mosambik überwiesen haben. Wir fühlten uns von beiden Regierungen im Stich gelassen. An unseren Demonstrationen haben jeweils zwischen 100 und 2.000 Menschen teilgenommen. Einmal wurde sogar unser Parlamentspräsident gefangen genommen und zur Aussprache mit dem Wirtschaftsminister gezwungen. Genützt hat es letztlich nichts.“

Ich erinnerte mich an eine Pressemeldung aus dem Jahr 2002. Danach hatte der Verband Deutscher Rentenversicherungsträger beschlossen, für frühere DDR-Vertragsarbeiter eine bundesweit einheitliche Regelung der Beschäftigungszeiten für die Rente anzuerkennen.

Das tröstete Estêvão nicht.

Von den Ansprüchen waren diejenigen ausgeschlossen, die vor dem 3. Oktober 1990 in ihre Heimatstaaten zurückgekehrt waren.

Wir tranken unser mosambikanisches Bier aus und interpretierten den Geschmack von Radeberger Pils hinein.

 

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