Welche Spuren haben wir hinterlassen? Beitrag zur Tagung „Respekt und Anerkennung“ in Magdeburg

Vom 22.-24. Februar 2019 fand in Magdeburg die „Internationale Tagung zur Entwicklungszusammenarbeit Mosambik-Deutschland mit dem Schwerpunkt Vertragsarbeit und Experten anlässlich des 40. Jahrestages des Staatsvertrages der VR Mosambik mit der DDR“ statt.

Katrin Bahr, die an der university of Massachusetts in Amherst u.a. die Beziehungen der DDR zu Mosambik erforscht, präsentierte ihre Ausstellung „Fotografien einer vergessenen Zeit“ und moderierte im Rahmen der Tagung die Arbeitsgruppe 7 mit dem Titel „Welche Spuren haben wir hinterlassen! Zwischen Solidarität und Kommerz. Experten und Spezialisten im Gespräch zum Kontext staatlicher Rahmenbedingungen und individueller Entfaltung“. Als Inputgeber in ihrer Arbeitsgruppe wurde ich gebeten, einen Impuls bezüglich dieser hinterlassenen Spuren einzubringen.

Mein Beitrag in der Arbeitsgruppe von Katrin Bahr fokussierte sich auf die Rahmenbedingungen, unter denen die Experten und Spezialisten der DDR in Mosambik tätig waren. Auszüge aus meinen Tagebuchaufzeichnungen des Jahres 1986 zeigen exemplarisch gesellschaftliche und politische Entwicklungen auf, unter denen wir tätig waren. Deutlich wird dabei die Zuspitzung der Lage im Land, die im Oktober des Jahres in der Katastrophe des Absturzes der Präsidentenmaschine endete.

Während der Diskussionen im Verlauf der Tagung wurde deutlich, dass die damals entsandten Experten nicht in erster Linie Träger des politischen Willens der DDR-Regierung waren, sondern kamen, um mit ihren Kenntnissen und Fertigkeiten dem Land in seiner Entwicklung zu helfen, die Wirtschaft aufzubauen, Infrastrukturen zu schaffen sowie das Analphabetentum zu beseitigen.

Katrin Bahr, Rainer Grajek, Andreas Grajek

Arbeitsgruppe 7: „Welche Spuren haben wir hinterlassen?“
Tagungsbeitrag von Rainer Grajek

Mit dem Übergang in die nationale Unabhängigkeit 1975 setzte sich die siegreiche FRELIMO (gegründet am 25.06.1962) nicht nur für die Befreiung des mosambikanischen Volkes von kolonialer Ausbeutung, Tribalismus, Rassismus und Rechtlosigkeit ein. Sie begann sofort, das Analphabetentum zu bekämpfen und die kulturelle Vielfalt der 32 Ethnien zu erhalten. Wie eng sie die Verbindung von Bildung und Kultur sah, äußerte sich in der Gründung des „Ministeriums für Erziehung und Kultur“ („Ministério da Educação e Cultura“; MEC). Da dem Staatspräsidenten und FRELIMO-Führer Samora Moises Machel die große Bedeutung dieses Ministeriums für die Entwicklung des jungen Staates bewusst war, setzte er seine Frau Graça an die Spitze dieser Einrichtung.

Die DDR hatte sich schon in der Zeit des bewaffneten Befreiungskampfes (Beginn: 25.09.1964) mit der FRELIMO als breiter Volksfront solidarisiert und umfangreiche Unterstützung gewährt. Das reihte sich in die außenpolitische Zielsetzung der DDR ein, den Sozialismus auf dem afrikanischen Kontinent zu verankern. Bereits in der 60er Jahren wurde die DDR von afrikanischen Ländern staatlich anerkannt. Neben materieller Solidarität leistete die DDR Hilfe in der politischen Aus- und Weiterbildung sowie auch in der Berufs- und Hochschulausbildung. Die Führung der FRELIMO war tief im Volk verwurzelt und wollte die auf den Parteikongressen beschlossenen Ziele auch mit Unterstützung der DDR realisieren. Für beide Seiten bedeutete die wirtschaftliche, politische, wissenschaftlich-technische und wissenschaftlich-kulturelle Zusammenarbeit Neuland, auf dem es Erfahrungen zu sammeln galt. Nach gegenseitigen Besuchen Samora Machels und Erich Honeckers wurden am 24.02.1979 ein Vertrag über Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen der DDR und der Volksrepublik Mosambik und ein Programm über langfristige wirtschaftliche Zusammenarbeit beschlossen. In der Folgezeit wurden mehr als 80 bilaterale Verträge vereinbart und (teils zu) große landwirtschaftliche und industrielle Projekte ins Leben gerufen. Etwa 7200 Experten, Spezialisten, Funktionäre, Lehrer und Techniker aus der DDR waren zwischen 1977 und 1990 in Mosambik tätig. Fortan lieferte die DDR LKWs, unterstützte die Kohleproduktion in Moatize, half in der Landwirtschaft und im Fischereiwesen. Allein 1983 waren etwa 1000 DDR-Bürger als Spezialisten in Mosambik aktiv.

Die Arbeit der DDR-Kooperanten und ihrer mosambikanischen Partner fand unter den Bedingungen eines mörderischen Bandenkrieges statt. Die „bandidos armados“ (bewaffnete Banden) wurden von Südrhodesien und Südafrika unterstützt. Banden der RENAMO (Resistência Nacional de Moçambique; Nationaler mosambikanischer Widerstand) töteten Entwicklungshelfer aus der DDR.  In den 80er Jahren kamen tausende Mosambikaner als Arbeitskräfte in die DDR.

Zu diesem Zeitpunkt galt Mosambik als einer der ärmsten Staaten der Welt. Und der Bürgerkrieg fraß sich wie ein Krebsgeschwür immer tiefer ins Land. Das Wüten der RENAMO hinterließ Tote, zerstörte Dörfer und Flüchtlingsströme.

Ich kam nach Mosambik, beseelt vom Glücksgefühl, nach Afrika reisen zu dürfen und im Maputoer Erziehungsministerium Nützliches für dieses Land zu tun. Mit mir meine Frau Ute und unser acht Monate alter Sohn Andreas.

Der Vertrag über Freundschaft und Zusammenarbeit war zum Zeitpunkt meiner Einreise zwei Jahre alt. Sein 40jähriges Jubiläum fordert zwingend den Vergleich zwischen damals und heute.


In welcher Situation ist Mosambik heute? Was hat sich gewandelt, ist es besser oder schlechter geworden? Diese Fragen wurden und werden in anderen Referaten beantwortet.

Ich möchte auf Fragen wie die folgenden eingehen: Wie lebten wir in den 80er Jahren in Mosambik? Wir: unsere mosambikanischen Partner und die Kooperanten aus der DDR. Wodurch wurde unser Leben bestimmt?

1986 wurde das Schicksalsjahr Mosambiks.

Für mich begann es mit dem Wechsel in eine andere Nationaldirektion im Erziehungsministerium. Meine beiden Partner waren der Mosambikaner Abel und der Kubaner Rogelio.

Der Frelimo-Sekretär des Ministeriums, Rui Mabjaia, erklärt am 22. Februar die kritische Situation im Land, im Xenon wird in einer Kurzversammlung aller DDR-Bürger die Sicherheitslage erörtert. Deren stetige Zuspitzung hatte zur Folge, dass meine Frau und unser Sohn nicht wieder nach Mosambik einreisen durften. Wie begründet das war und unter welchen Bedingungen wir und unsere mosambikanischen Partner lebten und arbeiteten, sollen die folgenden Ausschnitte aus meinen Tagebuchaufzeichnungen vermitteln. Sie liefern auch Hintergrundfakten zu den Fotos, die in Katrin Bahrs Ausstellung zu finden sind.


23.02.1986

Der Besuch von Kinos, Restaurants und Massenansammlungen ist verboten. Für heute, Sonntag, war auch Strandverbot. Vor Kurzem soll auf dem Zentralmarkt eine Sprengladung in einem abgestellten Radio explodiert sein. Wir sollen uns deshalb nicht lange auf dem Markt aufhalten. Am Strand ist neulich ein Sprengsatz hochgegangen, zwei Mosambikaner wurden verletzt.

25.02.1986

Ich erhielt heute früh im Ministerium überraschend Besuch von Celso. Die Wiedersehensfreude war beiderseitig. Er kam gerade vom Blutspenden. Gestern ist auf der Straße nach Namaacha ein Bus überfallen worden: 7 Tote und 23 Verletzte.

Gut, dass wir Sonntag Strandverbot hatten, es ist wieder ein Sprengsatz hochgegangen. 1 Verletzter.

27.02.1986

Letzte Nacht wurden unsere Leute aus Mocuba (Textilfabrik) evakuiert und mit einer Militärmaschine gebracht (17 Personen).

Mein Freund und Kollege Ribas aus der Nachbarabteilung hatte meine Frau gebeten, Patin seiner gerade geborenen Tochter zu werden und dem Kind ihren Vornamen zu geben. Das Mädchen heißt nun Ute Laurinda. Eigentlich sind von DDR-Seiten private Kontakte zu Mosambikanern nicht erwünscht. Wir sahen das immer schon anders.

28.02.1986

Das Sicherheitssystem wird „vervollkommnet“: Ab sofort ist ein Bogen in doppelter Ausfertigung auszufüllen (jeweils Sonnabend bis Freitag), der alle Angaben über Ortsveränderungen im Voraus enthält (z.B.: Dienstag, 17.15 Uhr bis 18.15 Uhr Spaziergang, etc.)

Der Strand ist weiterhin für uns gesperrt.

Probe- und vorsichtshalber ein Weißbrot gebacken. Ich habe zwar noch eingefrostetes Brot, aber bei Versina soll es kein Roggenmehl geben.

11.03.1986

Estevão, der Bruder einer mosambikanischen Kollegin, hat in Stahlwerken der DDR gearbeitet und lebt nun wieder im Stadtteil Hulene.

Estevão besucht mich nachmittags im Ministerium. Er ist abgemagert. Freut sich sehr über das Wiedersehen. Er verdient in einem Betrieb, der zur „Electricidade“ gehört, 2800 Meticais im Monat (140 Mark). Die ungelernten Kräfte seines Betriebes haben das gleiche Einkommen.

In der Notícias wird ein Artikel mit Bildern veröffentlicht, nach dem in Manhiça die BAs einen Mosambikaner getötet haben. Frauen wurden die Ohren abgeschnitten.

Die Notícias ist schlecht zu bekommen; kostet jetzt 10 Mtc (früher 5 Mtc). Wenn ich unseren Zeitungsboten treffe, erhalte ich ein Exemplar. Auch die Wochenschrift „Tempo“ ist schwer zu kriegen.

Vorgestern zeigte mir Titosse die Teilnehmer-Urkunde und die bronzene Plakette, die jeder Olympiateilnehmer in Los Angeles erhielt. Die mosambikanische Mannschaft bestand aus sieben Teilnehmern. In den USA hatte er sich einen Rekorder (Plattenspieler, Kassette, Radio) für über 200 Dollar gekauft. Der mosambikanische Zoll verlangte bei der Wiedereinreise 6000 Mtc Zollgebühr von ihm.

Wasser läuft seit Tagen nicht. Die Pumpe ist kaputt. Fast jeden tag Stromausfall in unserem Haus.

Estevãos Seekiste aus der DDR ist gut angekommen, sein Elektroherd ebenfalls. Er steht jetzt im Haus seines Vaters in Hulene. Aber Hulene hat keine Energie-Versorgung.

12.03.1986

Letzte und vorletzte Nacht: BAs überfallen zwei Fabriken in Matola, u.a. „Pilhas“. Überfall auf einen Bus auf der Straße nach Namaacha. Tote und Verletzte.

14.03.1986

Unsere Kollegen werden noch lange nur mit Gasflaschen auskommen müssen, denn Strom gibt es nicht, weil die BAs über 40 Leitungsmasten in Beira gesprengt haben.

16.03.1986

Gestern war die Volksbildungsministerin erstmals seit langer Zeit wieder zu sehen. Graça Machel kam mit zwei Militär-Jeeps. Dazu acht Soldaten Bewachung, davon vier mit Maschinenpistole im Anschlag.

Heute (das erklärt auch das Obige), als Günter K. und ich ins Maxaquene-Bad wollten, wurden wir vom staatlichen Leiter, Georg R., darüber informiert, dass in Maputo hohe Alarmbereitschaft herrscht: Südafrika und Bandidos haben angekündigt, dass heute die Stadt mit schweren Waffen beschossen werden soll. Der Verteidigungsstab in Mosambik tagt, die Botschafter sind informiert. Wir sollen Menschenansammlungen meiden, der Badbesuch ist uns freigestellt. Im Bad auffällig: es sind keine sowjetischen Kooperanten da! Das Xenon-Kino fällt aus. Die Alarmbereitschaft gilt bis Montag früh, 7 Uhr (Jahrestag N´komati- Vertrag).

19.03.1986

Ich traf Senhor Gollias wieder. Er berichtete von seinem Einsatz im Februar in der Provinz Tete. Es gibt dort kaum etwas zu kaufen, die Bevölkerung wird durch internationale Hilfssendungen ernährt. Für Geld will keiner was geben.

Er hat für ein Hemd eine Ziege eingetauscht. Von 300 Schulen funktionieren 9! Die Direktoren sind unfähig zur Leitung der Schulen. Die Ministeriumsdelegation führte einen Kurs mit Direktoren durch, um sie zu befähigen, ein „Horario“ und den „Plano das assistências“ auszuarbeiten. Fluktuation an den Schulen. Lehrer z.T. 100% unausgebildet. Die Bauern verlassen das Land und ziehen in die Städte. Dadurch sind die Schulen überlastet. Die Lehrer sind willig, aber es gibt weder Lehrpläne noch Schulbücher u. a. Es wird nur noch improvisiert. Er erzählt ein Beispiel aus der Provinz Inhambane (Xai-Xai): Im Vorjahr wurde an einer Schule festgestellt, was nicht in Ordnung war. Die Delegation wurde vom Minister gelobt, weil konkrete Aufgaben gestellt wurden (Tische und Bänke reparieren, Toiletten, Waschräume, …); die Provinzleitung wurde für die Einhaltung verantwortlich gemacht. Die Kontrolle in diesem Jahr ergab, dass alle Mängel noch bestehen.

23.03.1986

In der Nacht vom Freitag zum Sonnabend: Gefechte in Matola. Vom Lehrerhaus sind die Explosionen von Granaten zu hören und zu sehen. Senhora Eulália, unsere Chefin im DOP, bestätigt die Vorgänge. Sie wohnt in Matola.

24.03.1986

Erst heute ist in Notícias auf der Seite 2 über Freitagnacht in Matola zu lesen: 29 bandidos getötet, 5 Einwohner kamen ums Leben; 15 Gefangene wurden befreit. Vor 2 Wochen waren 8 bandidos bei der Fabrik „Tudor“ getötet worden.

31.03. / 01.04.1986

Am 30. März ist 10.15 Uhr eine Militärmaschine vom Typ AN 26 abgestürzt.

Der 1. April ist nationaler Trauertag in Mosambik. Notícias schreibt, dass beim Flugzeugabsturz 49 Passagiere – darunter auch Kinder – an Bord waren. Es gab 5 schwerverletzt Überlebende. Auch die Besatzung ist tot: sowjetische Flieger (Kommandant, Co-Pilot; Navigator) und 3 mosambikanische Besatzungsmitglieder.

Samora Machel bricht am 2. April seine Sowjetunionreise wegen des Flugzeugunglücks ab.

10.04.1986

Christa R. und ich begleiten heute 7 Frauen (Frauenkommission), welche die mosambikanische Schulwirklichkeit kennen lernen wollen, 14 bis 16 Uhr in der Escola Primária „A luta continua“. Direktor Maposse (3. Jahr im Amt). Zahl der Lehrer: 46 (meist nicht ausgebildet). Zahl der Schüler: 2400. Unterricht in drei Schichten: 6.30 bis 10 Uhr; 10.30 bis 13.50 Uhr; 14 bis 17.15 Uhr. Einige Lehrer unterrichten freiwillig in der 1. und 2. Schicht, da sie selbst Abendkurse besuchen. Wir sehen eine Mathematikstunde in der 3. Klasse. Die Lehrerin hat den Abschluss der 9. Klasse, sie redet viel und sehr laut. Empfang auf dem Schulhof: alle Schüler diszipliniert angetreten; Viva-Rufe; ein Lied. Der Unterricht: Die Schüler sprechen fast immer im Chor, nur selten Einzelantworten. Sie sitzen auf Zweierbänken. (In allen anderen Zimmern, in die wir hineinsahen, saß ein Teil der Schüler auf dem Fußboden). Etwa 45 bis 50 Schüler in der Klasse.

In Maputo gibt es Transportprobleme. Von 243 Bussen funktionieren nur noch 60. Private LKW-Fahrer verlangen für 1 Fahrt 100 Mtc. („Chapa 100“).

21.04.1986

Bei einem nächtlichen Sprengstoffanschlag in der Avenida Agostinho Neto werden 50 Menschen verletzt und zwei Wohngebäude beschädigt. Der Sprengstoff war in einem Auto deponiert.

25.04.1986

In der Zeitung werden die Lebensmittel-Zuteilungen für Mai veröffentlicht. Pro Person gibt es 5 kg Getreide, davon 2,5 kg Reis, der Rest kann Mais, Maismehl oder Nudeln sein. Dazu 1 kg Zucker pro Person. Bei der Ölzuteilung gibt es 0,5 kg für Familien bis 3 Personen, 4 bis 6 Personen erhalten 1 kg, 7 bis 9 Personen 1,5 kg und ab 10 Familienmitgliedern gibt es 2 kg Öl.  Jede Familie bekommt 4 Batterien und 0,5 kg Fisch pro Person.

28.04.1986

Meine Kollegin Cristina kommt kurz vor Feierabend zu mir. Ihre Familie hungert. Zucker fehlt, Brot vor allem, Mehl, … Morgen werde ich bei Versina was kaufen.

01.05.1986

An der Mai-Demonstration dürfen wir nicht teilnehmen.

Der Präsident kündigt an:

  • Alle improdutivos werden aus der Stadt gewiesen. Sie sollen in den Flusstälern landwirtschaftliche Produktion betreiben.
  • Der Attentäter (Bombenattentat 21.04.) ist gefasst und wird demnächst der Öffentlichkeit vorgeführt.
  • Ich habe mir heute die Explosionsstelle angesehen: Vorderfronten an 3 Häusern ziemlich zerstört, keine Fenster mehr drin; Loch in der Straße. Auf einem Baum hängt noch eine Gardine. In der Nähe befinden sich die Bus-Hauptstation und die Bus-Tankstelle.

20.05.1986

Unsere Volksbildungsgruppe 1986 besteht aus 35 Personen.

1 Leiter

10 im MINED (Erziehungsministerium)

8 im INDE (Nationales Institut für die Entwicklung des Erziehungswesens)

9 am PI (Pädagogisches Institut)

7 sind Lehrer an der Frelimo-Schule

30.05.1986

Gestern, 20 Uhr, neue Aktion bewaffneter Konterrevolutionäre in Matola, Nähe Kino „700“. 1 Bus verbrannt; 2 Menschen getötet.

Warnung von der sowjetischen Botschaft: Südafrika plant offensichtlich einen ähnlichen militärischen Schlag gegen Mosambik/Maputo wie kürzlich gegen 3 Länder (ANC).

3 Tote in Catembe, als ein PKW auf eine Mine fuhr.

11.06.1986

Rogelio und ich fahren zur Frelimo-Schule, um bei Karin N.in Klasse 5 zu hospitieren (Modellstunde). Als wir mit dem Auto auf die Avenida de 24 de Julho stoßen, fahren vor uns 2 Militär-LKW. Der 1. (beide fahren Schritt-Tempo) ist mit Soldaten besetzt, die im Wechsel die Wagen im Laufschritt begleiten. Der 2. LKW enthält getötete Soldaten, die von Angehörigen umringt sind. Der Zug geht zum Friedhof. Dieser liegt hinter der Frelimo-Schule. Kein Fahrzeug darf überholen, der Gegenverkehr wird angehalten. Fahrzeugen, die nicht sofort auf der Gegenfahrbahn stoppen, drohen die mitlaufenden Soldaten, ihnen mit Steinen die Scheiben einzuschmeißen. Wir benötigen (im 1. Gang) 35 Minuten bis zur Schule.

Nachtrag 24.06.1986

Bericht des Leiters Georg R. in der APO-Versammlung:

Ausgebildete mosambikanische Lehrer in der Primarstufe 52%, Klassen 5/6 54%, Klassen 7 bis9 64%, Klassen 10/11 78%.

Zur Situation: In einem Gebiet größer als die DDR sind nur 1/3 der Schulen vorhanden (Grenzgebiete, Nampula, Zambêzia, Maputo, Norden Sofalas). Z.T. existiert von 39 Schulen noch 1 oder von 70 Schulen gar keine mehr oder von 60 noch 2.

In vielen anderen „normal“ funktionierenden Gebieten wurde das SNE (Sistema Nacional da Educa) nicht eingeführt. Bücher und Lehrpläne sind nicht angekommen.

Gesamte Existenz von Primarschulen: 1980 gab es 5631; 1986 gibt es 3378

1985 wurden etwa 500 000 Schüler in Klasse 1 eingeschult. Davon kommen in Klasse 11 an: 822 (=0,2%). Also: Die meisten fallen in den Analphabetismus zurück.

Viele Lehrer haben 1 bis 3 Jahre kein Gehalt bekommen. Sie arbeiten weiter.

Sitzenbleiber-Tiefpunkt war 1981. Mit der Einführung des SNE: Ansteigen des aproveitamento (Schulerfolg). Danach Abfall (Materialien fehlen; keine Nachdrucke)

Positiv: das SNE wird weitergeführt.

Die Leitungstätigkeit im DOP (Departamento de organização e planificação) hat sich verbessert.

Die Frelimo-Schule Maputo ist Vorbild geblieben.

Das Pädagogische Institut hat mit dem neuen Direktor eine bessere Leitungstätigkeit. Das ist auch in Beira und Nampula so.

Die Zusammenarbeit mit der Frelimo hat sich verbessert.

12.08.1986

Aus einem Vortrag des Leiters der wirtschaftspolitischen Abteilung im Klub zum Thema „Eigentumsformen in der VR Mosambik“:

Es gibt in Mosambik seit 1983 Abweichungen von der sozialistischen Entwicklung. Das Land ist jetzt mehr nach dem Westen offen, aber auch der RGW wird „angezapft“. Die Schuld an die DDR muss jährlich umverteilt werden (DDR: 80 Millionen Dollar; SU: 1,2 Milliarden Dollar). Mosambik ist zur Anerkennung der „Land-Berlin-Klausel“ gegenüber den Westmächten gezwungen. 1984 erfolgt der Beitritt zur Lomé-Konvention. Bereits 1981 wurde der Antrag auf RGW-Mitgliedschaft abgelehnt, dafür aber eine gemischte Kommission gegründet. 1984 erfolgt auch Mosambiks Beitritt zur Weltbank und zum Internationalen Währungsfonds (IWF). Entscheidend für die Aufnahme waren die Zustimmung der USA sowie Portugals und Italiens. Heute haben Konzerne wie LONROH zunehmend Einfluss. Seit 1984/85 kommt es zur „Liberalisierung“ von Handel und Produktion und in diesem Zusammenhang zum Aufschwung des privaten Sektors. Entscheidend sind die Schulden beim IWF, der Weltbank und bei OPEC. Die stellen Forderungen: Preiserhöhungen, Gehaltsfragen, Regierungsumbildung. Preise werden dezentralisiert und Subventionen aufgehoben. Die Industrieproduktion geht zurück. 1984: 51,3% Rückgang gegenüber 1981; 1985: 23% Rückgang gegenüber 1984. Der IWF fordert, unrentable Betriebe zu reprivatisieren. 1984 gab es 58% staatliche Betriebe, 23% wurden subventioniert. 29,4% private Betriebe (Leichtindustrie). In Mocuba wurden die zu verbauenden Materialien seit 1981 schlecht gelagert. Die Kredite sind meist schneller erschöpft als der Baufortschritt. Mosambik möchte einen neuen Kredit von Portugal und bietet dafür eine Beteiligung am Betrieb an. Der staatliche Sektor wird weiter gemindert. Es gibt 17 „Strategische Betriebe“, u.a. Petromoc, Caju de Mosambik; Carbomoc, … Die DDR hatte Hilfe bei der Verstaatlichung von CARBOMOC und Cimento geleistet. Viele kleine Betriebe in der Holzindustrie und kleine Textilfabriken sind reprivatisiert.

Der Konzern LONROH engagiert sich im Bergbau, in der Landwirtschaft, im Tourismus, bei Zitrusfrüchten, Getreide und im Hotelwesen.

Die DDR lehnt „gemischte“ Betriebe ab, weil unter „normalen“ Bedingungen der eingeschlagene Weg richtig ist. Das zeigt auch die Radio-Produktion „Xirico“. Sie beweist, dass Mosambik nach Anleitung zu eigener Produktion in der Lage ist.

In der Realität hat auch die DDR Kontakte zu LONROH. Es gab ein Gespräch mit einem mosambikanischen Minister zur Unterstützung des privaten Sektors (z. B. will die DDR in die private Holzindustrie einsteigen; das ist eine Möglichkeit, den hohen Aktiv-Saldo abzubauen.)

Zur Landwirtschaft: Es gibt in Mosambik 1 256 000 Betriebe, davon 306 000 unter 0,5 ha; 219 über 2500 ha. Neugeschaffene landwirtschaftliche Großbetriebe sind gescheitert. 1984 wurden nur noch 60% der bisher bewirtschafteten Flächen benutzt. Im Familiensektor gibt es 2,5 bis 3 Mio Parzellen. Beispiel Agonia: 3 Ernten wären möglich; alles wächst (!); aber von 4 000 ha werden nur noch 500 ha bebaut. LONROH hat die besten Flächen gekauft; auch um Maputo herum. Zitrusfrüchte! Hat neue Anpflanzungen angelegt, die Gewinne bringen. Nimmt Transportunternehmen unter Vertrag. Bisher hat sich die DDR-Landtechnik bewährt, aber LONROH produziert selbst Landtechnik. LONROH will aber die guten politischen Beziehungen zur DDR nutzen. Der private Sektor wird schnell erweitert (besonders in Gaza).

19.08.1986

Wir besichtigen abends (18 bis 21 Uhr) das DDR-Schiff „Wittenberg“. Baujahr 1969. 37 Mann Besatzung. Verkehrt auf der Westafrika-Route. 6 800 Tonnen. Führung erfolgt in 2 Gruppen. Ladung für Mosambik: Waffen, Munition, Sprengstoff.

Vor einigen Tagen kam ein Telegramm aus Berlin an die Botschaft: In Vorbereitung auf den Gipfel der Nichtpaktgebundenen ist mit Anschlägen auf DDR-Kooperanten zu rechnen (Die DDR hat Sanktionen gegen die RAS gefordert).

27.08.1986

Ich wache früh kurz nach 3 Uhr auf, weil Schüsse in der Nähe fallen.

Nachtrag vom 23.08.1986

11.30 Uhr Hochzeit von Dionísio im Maputoer Hochzeitspalast und im Jardim Tunduru. 13 Uhr Feier. (Einladung zu „Copo de água“) im ehemaligen „Centro“ (Ausbildungsstätte der Lehrerbildner) in der Avenida S. Touré. Teilnehmer sind etwa 250 Personen. Dabei fast nur Verwandte der Braut (20 Jahre alt; arbeitet im INDE). Die Familie von Dionísio (28 Jahre) ist in Nampula; er hat sie schon 4 Jahre nicht gesehen, weiß nicht, ob alle noch leben.

Hochzeit von Dionísio im Maputoer Hochzeitspalast

31.08.1986

Habe von 13.30 Uhr bis 18 Uhr Wachdienst (Fahrbereitschaft) auf der FACIM (Messe). Private Messebesuche sind streng verboten. Stark reduzierte Ausstellungen. Erstmals finden Autokontrollen durch die Polizei statt. Armee- und Polizei-Einheiten auf dem Messegelände. Großer Andrang in den (wenigen) Pavillons.

Rogelio erzählt mir, dass gestern Abend gegen 21 Uhr vor dem FACIM-Gelände ein etwa zweiminütiger Schusswechsel stattgefunden habe.

Als ich heute kurz vor dem FACIM-Areal in eine Militärkontrolle geriet (Kofferraum, Wageninneres), sagte mir der kontrollierende Soldat, dass man bisher in den Autos schon viele Pistolen gefunden habe.

Ein Kollege aus unserer Abteilung (Holländer; Fach: Mathematik) kehrt vom Brigade-Einsatz aus Beira zurück. Er berichtet über starke Entwicklung der Bandentätigkeit. 3 Tage ohne Wasser. 15 Tage ohne Strom. Die Bevölkerung leidet Hunger, seit Februar gibt es keine Seife.

Seit 2 bis 3 Monaten werden die abastecimento-Rationen nicht mehr in der Zeitung bekanntgegeben. Hinweise gibt es jetzt nur in den Läden.

05.09.1986

Erhielten 13 bis 14 Uhr eine Routine-Belehrung über den Xenon-Dienst durch den HSB. Er erklärte u.a., dass die Scheibe in der Pförtnerloge im Xenon aus 6 Panzerglasscheiben zu je 6mm besteht. Sie lässt kein Maschinengewehrfeuer durch.

Karl A. erzählt über eine Hospitation in einer Stadtschule Nampulas.1. Klasse. Thema: Einführung von Lesen und Schreiben. Die Lehrerin kommt herein, schreibt etwa 20 „O“ und 20 „A“ an die Tafel und fordert die Schüler (68 Schüler; alle auf dem Boden sitzend) auf, das abzuschreiben. Karl A. unterbricht den Unterricht und fragt: „Wer hat heute (es war 11.30 Uhr) schon etwas gegessen?“  12 Schüler melden sich. „Wer hat einen Bleistift?“ 14 Schüler. „Wer hat ein Heft?“ Ebenfalls 14 Schüler. Karl A. verteilt 3 Päckchen Buntstifte, reißt aus seinem Ringheft alle Seiten raus und verteilt alles. Die meisten Schüler können nun schreiben.

06.09.1986

Über Nacht sind die Jacaranda erblüht. Die Blaufärbung der Straßenzüge beginnt. Direkt vor meinem Balkon zur Straße blüht ein solcher Baum.

Jacaranda

Es ist nun tags schon sehr warm. Der Sommer kündigt sich mit Macht an.

Unsere beiden guardas (Wächter) im Haus berichten: Vor 2 Nächten viele Schüsse in der Nähe unseres Hauses. Ich habe so tief geschlafen, dass ich es nicht gehört habe. Außerdem sei in jener Nacht aus dem VW Käfer vor unserem Haus die Batterie gestohlen worden. Keine Einbruchsspuren! Hatten die Diebe einen Schlüssel?

Der Amerikaner in unserem Haus (Er hat auf dem Flughafen übrigens ein kleines Flugzeug) sagt, dass ihm innerhalb von 2 Wochen die 2. Fernsehantenne geklaut worden wäre. Außerdem Glühlampen im Haus. Sein Vorschlag: An die Gittertür am Hauseingang wird ein Schloss angebracht und alle erhalten einen Schlüssel. Außer den Bewohnern der 9. Etage. Die unterhalten eine illegale Schnapsbrennerei und ziehen viele Fremde ins Haus.

Am Nachmittag breitet sich am strahlend blauen Himmel eine breite und lange Wolke aus. Detonationen sind zu hören. Der Rundfunk meldet: Im Munitionsdepot Maputo sind Granaten u. a. explodiert „infolge der großen Hitze am heutigen Tag“ und „die Situation befindet sich unter Kontrolle“ (Vor 1 Jahr flog ja ein Teil des Depots in die Luft. Damals:10.  Jahrestag der VRM; 25. September).

Notícias von heute: Gestern wurde ein erneutes Attentat auf dem Zentralmarkt verhindert (Ich war nachmittags auf dem Markt, um Tomaten zu kaufen). In einer Toilette war eine Handgranate eingebaut, ihr Abzug war mit der Spülung verbunden. Die Explosion wäre ausgelöst worden, wenn jemand an der Spülung gezogen hätte. Eine Reinigungskraft entdeckte die Granate. Vor 1 Jahr war ein Sprengsatz in einem Xirico-Radio explodiert und hatte 1 Todesopfer gefordert.

02.10.1986

Schriftliche Anordnung des Botschafters: Ab 4. Oktober kann der Strand wieder betreten werden. Das gilt aber nur für den Bereich Costa do Sol: links und rechts vom Parkplatz, aber nicht am Strand vor dem Parkplatz, nach rechts bis zum Beginn des Wäldchens und nur samstags und sonntags von 10 bis 16 Uhr.

09.10.1986

Die politische Unruhe nimmt wieder zu. Südafrika macht Mosambik für ein Bombenattentat im Bantustan Kangwane (6 verletzte Soldaten) verantwortlich. Außerdem entschied die südafrikanische Regierung, die Verträge der 55 000 Bergarbeiter auslaufen zu lassen und die Leute nach Mosambik zurückzuschicken (s. Notícias vom 9. Oktober).

10.10.1986

Die Zahl der mosambikanischen Bergarbeiter wird heute in Rundfunk und Presse mit 61 000 angegeben. Die südafrikanischen Gewerkschaften kündigen Streiks im Falle der Ausweisung der Mosambikaner an.

11.10.1986

Die Situation spitzt sich drastisch zu. Gestern Abend wurde im Rundfunk verkündet, dass ein südafrikanisches Sonderkommando in Maputo eingedrungen sei und Anschläge vorbereite. Die mosambikanische Abwehr habe sichere Nachrichten darüber.

Heute Nachmittag wird über den Rundfunk ein Kommuniqué zur Lage verbreitet; die Sicherheits- und Streitkräfte befinden sich im Alarmzustand. Die Bevölkerung wird zur Wachsamkeit aufgerufen.

Gestern Abend: außerordentliche Sitzung des Partei-Aktivs der Botschaft. Wir sollen die Wege auf die notwendigsten reduzieren. Da die DDR mit dem ANC sympathisiert, ist eventuell mit Anschlägen auf DDR-Kooperanten zu rechnen.

20.10.1986

Drastische Zuspitzung der Situation durch den Tod des Präsidenten Samora Machel beim Absturz seines Flugzeuges in Südafrika. Für uns gilt das Ausgehverbot ab Einbruch der Dunkelheit.

Marcelino dos Santos verliest gegen 8.30 Uhr im Rundfunk das 1. Kommunikee. Danach wurde das Flugzeug am 19.10. gegen 21.30 Uhr in Maputo erwartet. Erst heute 6.40 Uhr gab die Regierung  Südafrikas den Absturz der Maschine bekannt.

Wir hörten das 1. Kommuniqué im Arbeitsraum im MINED. Abel A. stürzt verzweifelt mit erhobenen Armen aus dem Zimmer. Rogelio versammelt sofort alle kubanischen Kooperanten. Entsetzen im Ministerium und in der ganzen Stadt.

Ein RAS-Sender verkündet am Mittag, dass es 38 Tote und 4 Überlebende gegeben habe.

In Maputo herrscht am Abend und die ganze Nacht über absolute Stille.

21.10.1986

Der Tag beginnt mit einem Aufruf des Verteidigungsministers Chipande an die Armee.

Mein für 19 Uhr geplanter Vortrag zur Geschichte Mosambiks muss auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

Bei etlichen DDR-Kooperanten sind Angst und Unruhe spürbar. Manche schlucken Beruhigungstabletten.

Unsere Botschaft hatte nach einem Hinweis der sowjetischen Botschaft bereits in der Nacht eine Beratung der Verantwortlichen einberufen.

Alle bewegt die Frage: Wird die Konterrevolution die Situation ausnutzen?

Die Kooperanten aus Holland und Portugal sitzen auf gepackten Koffern.

In Diskussionen im MINED wird Antisowjetismus spürbar, es gibt Misstrauen gegenüber der Besatzung der abgestürzten TU 134.

Die Stille in Maputo und in den Provinzhauptstädten spannt aller Nerven an. Viele befürchten Ereignisse wie im Jemen.

23.10.1986

Die vorgesehene Verabschiedung der Bevölkerung von Samora Machel wird um 24 Stunden verschoben. Die Beisetzung Samora Machels ist für den 28.10. vorgesehen, für die anderen 33 Toten am 29.10.1986.

Die beiden Leibärzte Machels waren Kubaner.

Unter den Überlebenden ist ein Mitglied der persönlichen Wache, der Mann hat lediglich eine kleine Schramme an der Stirn. Einer der 10 Überlebenden ist ein sowjetischer Bordingenieur.

Im Rundfunk wird die Bildung einer Untersuchungskommission bekannt gegeben. Der Flugschreiber ist gefunden.

Der Direktor des Pädagogischen Institutes Maputo rät den DDR-Lehrern, „auf gepackten Koffern“ zu sitzen, „um nicht in Ereignisse wie im Jemen zu geraten.“

24.10.1986

Ab heute sind die sterblichen Reste Samora Machels im Totensaal („Câmara Ardente“) im Haus am „Praça da Independência“.

Da die Transportmöglichkeiten für die Bevölkerung unzureichend sind, werden alle Autobesitzer, auch Ausländer, aufgerufen, sich mit ihren Fahrzeugen zur Verfügung zu stellen.

25.10.1986

Die Notícias erscheint mit dem ersten Bericht eines Überlebenden. Er hörte Geräusche wie einschlagende Schüsse; nach dem Hinweis zum Anschnallen ging das Licht aus, die Motoren (Düsen) arbeiteten nicht mehr. Er sprach von Blindflug bis zum Aufschlag und die Zeitung fragt: Wurde von Südafrika mit moderner Technik sabotiert?

Für Montag ist die DDR-Delegation zu den Beisetzungsfeierlichkeiten unter Führung von Werner Krolikowski angekündigt „mit etwa 20 Journalisten“.

Ich soll entweder am Dienstag als Fahrer zur Verfügung stehen oder als Dolmetscher. Anweisung des Botschafters: Keiner von uns darf eine „private“ Meinung über die Vorfälle gegenüber einem Delegationsmitglied äußern.

Uns ist verboten (auch tagsüber), allein auf die Straßen zu gehen. Nur im Auto gestattet. Ab Dunkelheit gar nicht mehr.

In unserer Nationaldirektion wollen die Mosambikaner (Leitung: Senhor Mazula) eine Wandzeitung (Jornal do Povo) anlässlich des Todes Samora Machels für das Treppenhaus in der 2. Etage anfertigen. Ich übernehme die „künstlerische Leitung“. Es wird eine ausgezeichnete Darstellung.

notícias 1986

27.10.1986

14 Uhr Treffen am Kino „Africa“ und dann zur Stadt-Exekutive laufen, wo der Sarg Samora Machels steht. Die Ministerien und Betriebe treten in Formation an. Von der DDR-Botschaft kommt die Anweisung: „Fotografieren strengstens verboten!“ Dieter W. und ich nehmen den Fotoapparat mit, und kein Mensch sagt etwas, wenn fotografiert wird. Dieter W. und ich postieren uns in der Nähe des Eingangs. Sehen die verschiedenen Länder-Delegationen. Beim Einlass entsteht allmählich Konfusion. Wir sind eingekeilt in die Menschenmassen. Frauen kommen weinend aus dem Haus heraus und müssen gestützt werden. Erst 18.30 Uhr gelingt uns der Eintritt. Der Sarg befindet sich in der 1. Etage. In Rot gehaltener Raum. Blumenmeer. Zwei hochrangige Offiziere halten Totenwache. Arztpersonal. Fotografen. Ordnungskräfte. Zwischendurch auch die DDR-Delegation; natürlich die „größte“: 9 Autos, darunter das mit W. Krolikowski und Botschafter Matthes. Auflauf auch beim Eintreffen Kaundas. Wir machen einige Fotos. Später ziehen Wolken heran und etwas Wind kommt auf. Wegen des großen Zustroms der Bevölkerung wird die Besuchszeit bis 24 Uhr verlängert.

Im Ministerium. Abel A., von dem ich annahm, dass er die von Rogelio und mir erarbeiteten „exames“ für die 11. Klasse noch einmal auf ihre sprachliche Richtigkeit durchsieht, zeigt mir stattdessen mittags (stolz-verschämt) ein „Poem für Samora Machel“ (eineinhalb A-4-Seiten), das er gedichtet hat.

28.10.1986

Beisetzung der sterblichen Überreste von Samora Moises Machel auf dem „Praça dos Heróis“, Maputo.

Der Trauerzug nahm seinen Anfang auf dem „Praça da Independência“ (ab „Conselho Executivo da Cidade de Maputo“). 1 Kanonenschuss kündigt den Beginn des Zeremoniells an. Tausende Menschen drängen sich auf dem „Praça dos Heróis“. Habe gute Sicht. Soldaten der verschiedenen Waffengattungen geben Samora Machel das letzte Geleit. Streitkräfte sichern alles ab. Es hat seit dem Absturz der Maschine am 19.10. keine Zwischenfälle gegeben. Der Sarg Samora Machels liegt auf einer Lafette, mit gelbem Fahnentuch bedeckt. 12.38 Uhr: 21 Kanonenschüsse werden hinter dem Kolossalgemälde abgefeuert.

In der ersten Novemberhälfte spitzt sich die Lage noch einmal zu. Erst ab 18. November können wir uns wieder frei bewegen und das Versammlungsverbot ist aufgehoben.

Am 25. November findet im Klub mein aufgeschobener Vortrag zum Thema „Die Geschichte Mosambiks von den Anfängen bis 1885“ statt.


Immer, wenn in unserer Familie von Mosambik gesprochen wird, kommen heimatliche Gefühle auf. Kontakte zu früheren Kollegen haben sich bis heute erhalten.


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